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Text-Bewusstsein

Geschrieben am 30.07.15 #

Wenn ich einen Autohändler besuche und nach einer Probefahrt den Satz "den kaufe ich" ausspreche, so habe ich dadurch ein Symbolgebilde in die Welt gesetzt. Das Symbolgebilde besteht aus einem Symbol für meine Person, einem Symbol für das ausgesuchte Automodell, einem Symbol für die Autofirma, und einer symbolischen Beziehung "Kaufen" zwischen meiner Person, dem Automodell und der Autofirma. Der Autohändler geht daraufhin zum Computer, trägt die Daten ein und drückt eine Bestellung aus, die wir beide unterschreiben. Das Computersystem veranlasst dann die Lieferung des Wagens an mich. Durch die Datenerfassung hat der Händler das von mir erstellte Symbolgebilde ins Computersystem eingespeist. Das Symbolgebilde, das zunächst nur in den Gedanken des Händlers und in meinen existierte, hat damit computermäßige Verkörperung erhalten und wird automatisch weiterverarbeitet mit der letzten physikalischen Folge der Übergabe des realen Wagens an mich.

Der Text ist das Symbolgebilde, das eine entscheidende Rolle in dieser Episode spielt. Dieses Symbolgebilde, das in mündlichem Gespräch gestaltet wurde und digitale Form angenommen hat, hat verschiedene Funktionen ausgeübt: Vertrag, Bestellung, Veranlassung der Zahlung und der Lieferung, aber auch andere, wie etwa positive Gefühle beim Verkäufer und bei mir ausgelöst, die Verkaufsstatistiken der Autofirma, die Zulassungsstatistiken der zuständigen Behörde ergänzt und vielerlei mehr.

Aus dieser Episode können wir lernen, was Text ist. Text ist nicht der Satz, den ich zuerst ausgesprochen habe, als Reihe von Worten. Diese Reihe macht zwar die erste Textdarstellung aus, hat es aber nicht bis ins Computersystem geschafft. Da ist nämlich eine ganz andere Darstellung entstanden, etwa ein Datensatz in der Firmendatenbank. Beide Textdarstellungen sind völlig verschieden und teilen nur den logischen Kern, nämlich eine bestimmte Aussage über Beziehungen zwischen Symbolen.

Der Text, der sich während der Episode gleich geblieben ist, ist durch verschiedene Schnittstellen gewandert. Die Deutsche Sprache hat die eine Schnittstelle gestaltet, eine andere die Bedienoberfläche des Computers, weitere die Formate der Nachrichten, die der Computer an den entfernten Datenbankserver der Autofirma, des Bankinstituts oder der Behörden gesendet hat.

Text-Bewusstsein entsteht, wenn man begreift, was Text ist, und es dann im täglichen Leben anwendet. Text ist nicht dieses Schriftstück oder jene Aussage; das sind Textdarstellungen. Text kann man nicht sehen und nicht hören, sondern nur verstehen. Text ist ein artikuliertes Symbolgebilde. Und jedes artikulierte Symbolgebilde ist Text.

Sprache als Text

Geschrieben am 25.07.15 #

Menschen tun mit und durch Sprache allerlei, sie fragen und antworten, lehren und lernen, informieren und verklären, sie streiten, versöhnen, äußern und verdecken sich. Doch Sprache ist auch immer nur das eine: Textproduktion. Mit Sätzen bildet man artikulierte symbolische Gebilde, d. h. das, was ich Text nenne. Das tut man einerseits buchstäblich, indem man Sätze mit einer bestimmten Syntax und Lexik hervorbringt. Das tut man jedoch andererseits auch mit der Semantik. Das, was wir mit mit Sprache meinen, lässt sich formal analysieren, womit ein artikuliertes symbolisches Gebilde freigelegt wird. Während der grammatikalische Text immer eindeutig ist, zeigt der semantische Text sehr unterschiedliche Graden an Missverständlichkeit. So ist der semantische Text von juristischen Dokumenten viel reifer und stabiler als der eines üblichen spontanen Gesprächs unter Freunden aber mehrdeutiger als der semantische Text einer mathematischen Theorie. Das ist kein Mangel der natürlichen Sprachen, sondern eben ihre Stärke. Mit Sprache kann man Texte andeuten, ohne sie durchkonstruieren zu müssen. Man kann sofort mit Sprache anfangen und im Dialog durch Iterationen den Text verfeinern und weiterentwickeln. Die Einstiegshürden sind niedrig und Texte können allmählich gestaltet und gereift werden.

Überhand nehmende Lieblosigkeit

Geschrieben am 23.05.15 #

Wenn man im Web nach irgendwelchen Informationen sucht, begnügt man sich zumeist mit den ersten Aussagen, die man begegnet, ohne Rücksicht auf ihr Gehalt und Qualität. Auffallend ist auch die Mangelhaftigkeit der elektronischen Publikationen, sowohl online wie offline. Webseiten weisen inhaltliche und sprachliche Unzulänglichkeiten auf, die man auf gedrucktem Papier nicht hinnehmen würde. Elektronische Schriften werden meist nur überflogen, kaum aufmerksam gelesen und offensichtlich auch nicht sorgfältig hergestellt. Elektronische Bücher sind typographisch den gedruckten Büchern deutlich unterlegen und weisen häufig überdurchschnittlich viele Fehler auf.

Das Phänomen schafft es bis in die Wissenschaft hinein. Beispielsweise gibt es im Netz eine elektronische Ausgabe der Werke Immanuel Kants (das sogenannte Bonner Kant Korpus), von der ich vor Jahren leicht eine lange Liste von groben Fehlern (wie mehrmals fehlendes ß-Zeichen am Wortende und falsche Seitenangaben) zusammentrug. Ein anderes Beispiel sind die automatischen Übersetzungen. Sie sind heutzutage unterirdisch und der Veröffentlichung unwürdig. Das uns inzwischen Unternehmen in seiner kommerziellen Tätigkeit, d. h. zum Werben und für den Kundendienst, mit solchen Erzeugnissen zumüllen, hätte ich vor einigen Jahren nicht für möglich gehalten. Es ist ein sprachliches Niveau, das völlig unakzeptabel ist.

Und doch lassen wir uns dies alles achselzuckend gefallen. Eine auffällige Gleichgültigkeit hat sich eingebürgert. Keinem scheint diese neue Oberflächlichkeit und Beliebigkeit zu besorgen und jeder scheint sich damit für gut genug bedient zu halten. Mit der Zunahme an elektronischen Publikationen macht sich gegenwärtig nicht nur eine Verschlechterung der Qualität, sondern auch eine besorgniserregende Lieblosigkeit breit.

Anfang 2015

Geschrieben am 23.01.15 #

Der Blog wurde entleert und fängt wieder mit leerer Seite an. Die alten Artikel wurden entfernt, neue werden allmählich verfasst werden. Das Blogarchiv wurde mit den Einträgen der letzten 2 Jahre und auch mit älteren, bis 2001 zurück reichenden Beiträgen ergänzt.

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