Blogarchiv 2015-2016

Blogeinträge, die Francesc Hervada-Sala zwischen 2015 und 2016 erstellte.

Das Spiel der Vorstellungen

Geschrieben am 03.09.16 #

Jeder junge wie jeder ungebildete Mensch glaubt, dass seine Vorstellungen das letzte Wort sind. Was man spontan über dieses und jenes Thema meint, hält man schlicht für Wahr, und zwar endgültig und alternativlos. Man kennt ja sonst nichts anderes. Dass man sich nichts anderes vorstellen kann, liegt aber nicht daran, dass man eine unerschütterliche Grundlage erreicht hätte, sondern bloß daran, dass man ein allzu beschränktes Vorstellungsvermögen hat.

Oft glauben wir, unsere Vorstellungen seien etwas festes. Doch das stimmt nicht. Unsere Vorstellungen ändern sich immer, allmählich, unbemerkt. Erfahrung bringt Erkenntnisse, Wahrnehmungen, neue Aspekte und Gesichtspunkte. Erfahrung fordert heraus und veranlasst so neue Einfälle. Unser Alltag läuft folgendermaßen ab: Wir werfen Vorstellungen, erfahren, überarbeiten die Vorstellungen, werfen neue, die uns zu neuen Erfahrungen bringen, und so fort. Das machen wir jeden Tag und zu jeder Minute. Das Spiel mit den Vorstellungen begleitet unser alles Erleben. Ja, man kann sogar sagen, das Spiel der Vorstellungen ist unser Leben selbst.

Ob wir unsere Vorstellungen zur Probe stellen wollen und sie einer Erfahrung aussetzen, oder uns lieber in den Vorstellungen, so wie wir sie bereits haben, zurückziehen und nicht aus ihnen heraus kommen wollen, das sind die Optionen, die wir haben. Das ist auch die Wahl, die jeder einzelne von uns, jeder Gruppe, jede Nation und jede Zivilisation, treffen muss, ob man sie bewusst trifft oder nicht.

Defizit an Redaktionellem

Geschrieben am 13.08.16 #

Der Mangel an Redaktionellem ist in den heutigen digitalen Medien — und, durch deren Vorherrschaft, in der heutigen Welt überhaupt — unübersehbar. Der redaktionell gepflegte Inhalt ist Mangelware, uns überschwemmen Horden der automatisierten Inhalte. Was unser Geist füttert, sind keine aufgeräumten Ergebnisse des Verstehens, sondern kopflos zusammengewürfelte Broken, und sie führen demgemäß dem Geiste auch nicht zum Verstehen, sondern überfordern ihn so, dass er nur verzweifeln oder in oberflächlicher Aufregung sich selbst aufgeben kann. Wo ist nur die qualitativ gute Interpretation geblieben, d. h. der Sinn? Wir funktionieren zwar, doch sinn-los.

Irgendwann

Geschrieben am 16.09.15 #

Irgendwann wird der hiesige Textbegriff von jedem Menschen als selbstverständlich empfunden werden. Wir werden den Text bewusst wahrnehmen und mit ihm bewusst hantieren. Wir werden den Text hinter der Technik, der Wissenschaft, dem Recht, der Organisation, und überall sonst in expliziter Form bei Bedarf abrufen und ihn nicht nur wie jetzt unterschwellig, bloß händisch, natürlichsprachlich, sondern explizit, systematisch, mit Rechnersystemen behandeln können. Wir werden Texte nicht mehr nur intuitiv und ahnungslos bilden, sondern sie auch der äußerlichen Kritik, der systematischen Analyse und der wissenschaftlichen Forschung unterziehen. Unser Weltbild wird sich so stark geändert haben, dass wir es uns nicht mehr werden vorstellen können, wie man früher überhaupt getickt hat, und man wird keinen Wunsch hegen, auf die Vergangenheit, eine Zeit in der die Menschen voller Ignoranz und Zwietracht in einer groben, blinden, gewalttätigen Welt lebten, zurückzukehren.

Ideen sind

Geschrieben am 09.09.15 #

Ideen sind das, was uns geschieht, während wir uns mit unserem Leben beschäftigen. Sie sind an sich kein Zweck, sondern ein Nebenprodukt. Ein Zweck kann für jemand durchaus sein, sich mit Ideen anderer Menschen zu beschäftigen, mit Ideen, die Menschen in der Philosophie, der Musik, der bildenden Kunst oder der Literatur entwickelt haben. Doch für die Protagonisten standen die eigenen Ideen außerhalb des Blickfeldes, sie selbst waren auf etwas anderes aus, auf das anvisierte Wahre, Schöne oder Gute: auf ihr Ideal.

Text-Bewusstsein

Geschrieben am 30.07.15 #

Wenn ich einen Autohändler besuche und nach einer Probefahrt den Satz "den kaufe ich" ausspreche, so habe ich dadurch ein Symbolgebilde in die Welt gesetzt. Das Symbolgebilde besteht aus einem Symbol für meine Person, einem Symbol für das ausgesuchte Automodell, einem Symbol für die Autofirma, und einer symbolischen Beziehung "Kaufen" zwischen meiner Person, dem Automodell und der Autofirma. Der Autohändler geht daraufhin zum Computer, trägt die Daten ein und drückt eine Bestellung aus, die wir beide unterschreiben. Das Computersystem veranlasst dann die Lieferung des Wagens an mich. Durch die Datenerfassung hat der Händler das von mir erstellte Symbolgebilde ins Computersystem eingespeist. Das Symbolgebilde, das zunächst nur in den Gedanken des Händlers und in meinen existierte, hat damit computermäßige Verkörperung erhalten und wird automatisch weiterverarbeitet mit der letzten physikalischen Folge der Übergabe des realen Wagens an mich.

Der Text ist das Symbolgebilde, das eine entscheidende Rolle in dieser Episode spielt. Dieses Symbolgebilde, das in mündlichem Gespräch gestaltet wurde und digitale Form angenommen hat, hat verschiedene Funktionen ausgeübt: Vertrag, Bestellung, Veranlassung der Zahlung und der Lieferung, aber auch andere, wie etwa positive Gefühle beim Verkäufer und bei mir ausgelöst, die Verkaufsstatistiken der Autofirma, die Zulassungsstatistiken der zuständigen Behörde ergänzt und vielerlei mehr.

Aus dieser Episode können wir lernen, was Text ist. Text ist nicht der Satz, den ich zuerst ausgesprochen habe, als Reihe von Worten. Diese Reihe macht zwar die erste Textdarstellung aus, hat es aber nicht bis ins Computersystem geschafft. Da ist nämlich eine ganz andere Darstellung entstanden, etwa ein Datensatz in der Firmendatenbank. Beide Textdarstellungen sind völlig verschieden und teilen nur den logischen Kern, nämlich eine bestimmte Aussage über Beziehungen zwischen Symbolen.

Der Text, der sich während der Episode gleich geblieben ist, ist durch verschiedene Schnittstellen gewandert. Die Deutsche Sprache hat die eine Schnittstelle gestaltet, eine andere die Bedienoberfläche des Computers, weitere die Formate der Nachrichten, die der Computer an den entfernten Datenbankserver der Autofirma, des Bankinstituts oder der Behörden gesendet hat.

Text-Bewusstsein entsteht, wenn man begreift, was Text ist, und es dann im täglichen Leben anwendet. Text ist nicht dieses Schriftstück oder jene Aussage; das sind Textdarstellungen. Text kann man nicht sehen und nicht hören, sondern nur verstehen. Text ist ein artikuliertes Symbolgebilde. Und jedes artikulierte Symbolgebilde ist Text.

Sprache als Text

Geschrieben am 25.07.15 #

Menschen tun mit und durch Sprache allerlei, sie fragen und antworten, lehren und lernen, informieren und verklären, sie streiten, versöhnen, äußern und verdecken sich. Doch Sprache ist auch immer nur das eine: Textproduktion. Mit Sätzen bildet man artikulierte symbolische Gebilde, d. h. das, was ich Text nenne. Das tut man einerseits buchstäblich, indem man Sätze mit einer bestimmten Syntax und Lexik hervorbringt. Das tut man jedoch andererseits auch mit der Semantik. Das, was wir mit mit Sprache meinen, lässt sich formal analysieren, womit ein artikuliertes symbolisches Gebilde freigelegt wird. Während der grammatikalische Text immer eindeutig ist, zeigt der semantische Text sehr unterschiedliche Graden an Missverständlichkeit. So ist der semantische Text von juristischen Dokumenten viel reifer und stabiler als der eines üblichen spontanen Gesprächs unter Freunden aber mehrdeutiger als der semantische Text einer mathematischen Theorie. Das ist kein Mangel der natürlichen Sprachen, sondern eben ihre Stärke. Mit Sprache kann man Texte andeuten, ohne sie durchkonstruieren zu müssen. Man kann sofort mit Sprache anfangen und im Dialog durch Iterationen den Text verfeinern und weiterentwickeln. Die Einstiegshürden sind niedrig und Texte können allmählich gestaltet und gereift werden.

Überhand nehmende Lieblosigkeit

Geschrieben am 23.05.15 #

Wenn man im Web nach irgendwelchen Informationen sucht, begnügt man sich zumeist mit den ersten Aussagen, die man begegnet, ohne Rücksicht auf ihr Gehalt und Qualität. Auffallend ist auch die Mangelhaftigkeit der elektronischen Publikationen, sowohl online wie offline. Webseiten weisen inhaltliche und sprachliche Unzulänglichkeiten auf, die man auf gedrucktem Papier nicht hinnehmen würde. Elektronische Schriften werden meist nur überflogen, kaum aufmerksam gelesen und offensichtlich auch nicht sorgfältig hergestellt. Elektronische Bücher sind typographisch den gedruckten Büchern deutlich unterlegen und weisen häufig überdurchschnittlich viele Fehler auf.

Das Phänomen schafft es bis in die Wissenschaft hinein. Beispielsweise gibt es im Netz eine elektronische Ausgabe der Werke Immanuel Kants (das sogenannte Bonner Kant Korpus), von der ich vor Jahren leicht eine lange Liste von groben Fehlern (wie mehrmals fehlendes ß-Zeichen am Wortende und falsche Seitenangaben) zusammentrug. Ein anderes Beispiel sind die automatischen Übersetzungen. Sie sind heutzutage unterirdisch und der Veröffentlichung unwürdig. Das uns inzwischen Unternehmen in seiner kommerziellen Tätigkeit, d. h. zum Werben und für den Kundendienst, mit solchen Erzeugnissen zumüllen, hätte ich vor einigen Jahren nicht für möglich gehalten. Es ist ein sprachliches Niveau, das völlig unakzeptabel ist.

Und doch lassen wir uns dies alles achselzuckend gefallen. Eine auffällige Gleichgültigkeit hat sich eingebürgert. Keinem scheint diese neue Oberflächlichkeit und Beliebigkeit zu besorgen und jeder scheint sich damit für gut genug bedient zu halten. Mit der Zunahme an elektronischen Publikationen macht sich gegenwärtig nicht nur eine Verschlechterung der Qualität, sondern auch eine besorgniserregende Lieblosigkeit breit.

Anfang 2015

Geschrieben am 23.01.15 #

Der Blog wurde entleert und fängt wieder mit leerer Seite an. Die alten Artikel wurden entfernt. Das Blogarchiv wurde mit den Einträgen der letzten 2 Jahre und auch mit älteren, bis 2001 zurück reichenden Beiträgen ergänzt.

Startseite | Kontakt


Blog

Einträge

Letzte Änderung am 23.02.17

Copyright © 2001-2017 Francesc Hervada-Sala. Alle Rechte vorbehalten.

oben | Startseite | Kontakt