Blogarchiv 2008

Blogeinträge, die Francesc Hervada-Sala 2008 erstellte.

Das starke Paar Text+Idee

Geschrieben am 27.11.08 #

Durch die zwei festen und deutlichen Grundbegriffe des Textes und der Idee öffnen sich vielversprechende Aussichten in Wissenschaft und Gesellschaft. Der Textbegriff bringt eine solide Grundlage für den Aufbau der Realität, wodurch man bisher nie gesehene Ufer in der Theorienbildung und gesellschaftlichen Organisation erreichen kann. Der Ideenbegriff  stellt den Rahmen für eine reiche, vielgestaltige geistige Entwicklung, befreit den Einzelnen von den hemmenden monolitischen äußeren Denkstrukturen und setzt unüberwindbare Grenzen an Wissenschaft und Staat. Die Flexibilität und Kombinationsmöglichkeiten dieses Begriffspaares ist viel größer als die von den gegenwärtig gängigen Begriffen, die es überholt.

Organonwissenschaft und Grundtheorien

Geschrieben am 21.11.08 #

Eine Organonwissenschaft ist der natürliche Ort für die grundlegenden wissenschaftlichen Untersuchungen, die den Rahmen einer bestimmten Einzelwissenschaft sprengen. Solche Untersuchungen werden heute in verschiedenen Kontexten betrieben, zum Beispiel in der phänomenologischen Forschung, in der Soziologie und der Geschichte, in der generativen Sprachwissenschaft, in der analytischen und in der hermeneutischen Philosophie. Die Auslagerung dieser Theorien von diesen Spezialgebieten in die Organonwissenschaft bringt einige große Vorteile:

Die Entwicklung der Grundtheorien innerhalb Spezialwissenschaften ist insofern blind, als die Theorie hier eine gedankliche Übung bleibt und bleiben muss, die man nicht anwenden und nicht prüfen und bloß für „plausibel” halten kann. Eine Grundtheorie innerhalb der Organonwissenschaft ist hingegen ein Gebilde, über das nicht nur „gesprochen” wird, sondern auch als untere Schicht im System der  wissenschaftlichen Erkenntnissen tatsächlich zum Einsatz kommt. Durch den Gebrauch kann man ihn stützen oder verwerfen, nicht durch „Meinungen” von einzelnen Personen.

Auch die Diskussion „in Prosa” über die Grundtheorien ist in der Organonwissenschaft vielfältiger und unvoreingenommener, weil anders als etwa Phänomenologie, Soziologie Luhmanscher Art, analytische Philosophie etc. sind die Wissenschaftler im Organon nicht alle von demselben Menschenschlag, sondern haben vielerlei ideologischen,  fachlichen, auch soziologischen Hintergründen.

Eine organonwissenschaftliche Grundtheorie hat noch den entscheidenden Vorteil, dass sie nicht nur auf ein Spezialgebiet, sondern auf alle angewendet wird. Die aktuellen Ansätze zu Grundtheorien sind mit einem engen Anwendungskreis im Kopfe entstanden und sind wenn überhaupt nur zu deren Erklärung nützlich. Eine im Organon eingebettete Grundtheorie hingegen wird grundsätzlich auf alle Einzelwissenschaften anzuwenden sein.

Über die richtige wissenschafliche Einstellung

Geschrieben am 19.11.08 #

Die angemessene Einstellung für die Wissenschaft ist, sich auf die Erarbeitung des vollkommenen symbolischen Korpus zu konzentrieren. Dieses lässt sich theoretisch gut begründen — da der Mensch des Textes fähig ist, ist es eindeutig im Rahmen seiner Fähigkeiten, einen Text auszuarbeiten. Außerdem vermeidet dieser Ansatz jegliche metaphysische Entgleisung: Es wird keine „absolute Wahrheit” oder ähnliches angenommen, es wird auch keine Voraussetzung über „die Realität” zugrunde gelegt, wie etwa die Realität sei „widerspruchsfrei”. Man geht schlicht und einfach so vor: Wir Menschen sind in der Lage, Texte zu bauen und sie zur Realitätsbeschreibung einzusetzen, bauen wir doch gemeinsam und über Jahrhunderte hinweg einen einzigen, möglichst umfassenden, möglichst konsistenten Text auf, der alles, was uns bekannt ist, beschreibt, und schauen wir mal, was sich daraus ergibt. Dieser Ansatz ist logisch sauber: Er bleibt derselbe in allen Phasen der wissenschaftlichen Entwicklung und gilt für die bisherhige Wissenschaft, von der Wissenschaft Babyloniens bis zur Quantentheorie. Sein Einsatz macht den wissenschaftlichen Betrieb effizienter, da man sich an die Sacharbeit fokusiert und ideologische Kämpfe aus dem Wege geht. Die aktuelle Wissenschaft geht hingegen von einer völlig unvertretbaren Idee aus: Man sagt, die Wissenschaft suche nach der „Wahrheit”. Das gibt nicht nur Anlass zu jeglicher metaphysischen Entgleisung, denn es muss definiert werden, was „Wahrheit” sei, sondern hat eine immanente Inkonsistenz: Man sagt von einer aktuell gültigen Theorie sie sei „Wahrheit”, und von allen vergangenen, sie seien „Irrtum”. Das ist so, als würde man sagen, alle vergangenen Menschen sind tot, nur die jetzt lebenden, diese sind unsterblich, denn von diesen ist noch keiner gestorben.

Prinzip der Wissenschaft

Geschrieben am 18.11.08 #

Der solide Anfangsgrund der Wissenschaft ist das Bestreben nach dem vollendeten symbolischen Korpus. Der Mensch ist in der Lage, symbolische Gebilde, von uns Texte genannt, zu erfassen, und zwar so, dass jeder einzelne Mensch jede bestimmte symbolische Repräsentation grundsätzlich auf genau denselben Text, d. h. dieselben Symbole und dieselben Beziehungen zwischen ihnen, zurückführt. Keine andere menschliche Fähigkeit ist der symbolischen vergleichbar. Bei allen anderen kognitiven Anlagen bleibt der einzelne Mensch genau genommen in sich selbst eingeschlossen. Die Erfahrung etwa der bildenden Kunst und Literatur, Dramaturgie und Religion, die politischen Bewertungen und Vorhaben, sind jeweils nicht direkt von einem Menschen an andere übertragbar. ähnliche Gesinnung führt da zu Wahlverwandtschaften, kulturellen Strömungen, Ideologien, Kulturkreisen, Zeitgeist, etc., aber nie zu dauerhaft identischen Auffassungen zwischen verschiedenen Menschen. Eine ganz andere Bewandtnis hat es mit dem Text. Dieser wird als solcher von allen Menschen identisch aufgefasst. So war Sokrates imstande, von einem mathematisch ungebildeten Sklaven geometrische Kenntnisse herauszubekommen (Platon, Menon 82 ff.), die einzige Voraussetzung war, der Sklave sollte der Sprache fähig sein. Nun besteht die Wissenschaft streng genommen darin, einen Text aufzubauen und ihn in Realität aufbauenden Modus zu prüfen. Dass der Text in sich konsistent und allumfassend sein soll, gehört zur Definition vom benannten Modus. Das sind die einzigen Annahmen, wovon man ausgeht. Der Rest ergibt sich allein daraus..

Denken und Logik

Geschrieben am 17.11.08 #

Die Logik bestimmt nicht die Gesetze „des Denkens” sondern die Gesetze der Texte. Das Denken als Tätigkeit weist keine „richtige Reihenfolge” auf, genauso ist es nicht so, dass ein Widerspruch „undenkbar” wäre. Nur: ein Text hat bestimmte strukturelle Eigenschaften, die von jedem nachprüfbar sind, und ein Widerspruch lässt sich zwar formal ausformulieren, ergibt aber keinen Text, denn Text ist nicht etwas sinnlich Wahrnehmbares wie Schrift- oder Lautzeichen, sondern deren verstandesmäßigen Erfassung.

Die Organonwissenschaft

Geschrieben am 16.11.08 #

Alle Organa, die es bisher gegeben hat, sind jeweils eine feste Theorie, die der Autor vorschlägt und als Organon angenommen werden soll. Unser Organon ist in dieser Beziehung ein Novum. Das hiesige Organon besteht in keiner mehr oder minder abgeschlossenen Theorie. Hier schlagen wir eine zu gründende Organonwissenschaft vor. Dass es eine neue Einzelwissenschaft, das Organon, bedarf, die sich mit der methodologischen Grundlegung und Analyse aller Einzelwissenschaften befassen und die die Ergebnisse aller Einzelwissenschaften in ein stoffliches, formales, einheitliches wissenschaftliches Korpus integrieren soll, das ist unsere Botschaft. Der theoretische Umriss dieser künftigen Wissenschaft, den wir auch skizzieren, ist uns an sich viel weniger wichtig und kann durchaus vollständig verworfen und durch einen besseren ersetzt werden, ohne das wir deshalb unseren Ansatz als gescheitert anzusehen hätten.

Universaltext v1.0.3 und danach

Geschrieben am 12.10.08 #

Eine neue Version des Universaltextinterpreters wurde auf u-text.net (nicht mehr online) bereitgestellt. Neu ist hier, dass während einer Sitzung die binären Daten nicht mehr im Arbeitsspeicher, sondern in einer temporären Datei gehalten werden. Das hatte ich schon immer vor, war aber nie dazu gekommen, es zu implementieren. Da ich mich neulich etwas eingehender mit der CPAN-Bibliothek befasst habe, bin ich auf das Modul Tie::File gestoßen, das dies implementiert. Auch wurde zum ersten Mal die existierende Dokumentation über die Software auf der Webseite zugänglich gemacht.

Ich habe jetzt zwei neue Ideen für künftige Entwicklungen, die ich vielleicht in den nächsten Monaten angehe.

Die eine ist der Universaltext-Interpreter mit einer modularen erweitbaren Architektur zu versehen, so dass man Plugins dynamisch einbinden kann. Im Augenblick gibt es verschiedene statisch eingebundene Module wie Type (mit einem Freitext-Tabellen-Parser) und HSA (für die historisch-systematische Auslegung). Auf der anderen Seite gibt es die etwas schlampig implementierte ~loadfile-Rolle, mit der man zu Laufzeit Textdateien bei Bedarf einliest. Das Vorhaben besteht darin, Unterstüzung für Plugins bereitzustellen, indem man eine generische Transformation ~load definiert, die bei Bedarf die einschlägige Transformation aufruft, um die Einheit zu laden. Die ~load-Transformation könnte überladen werden und somit sowohl UTL-Textdateien einlesen wie auch Perl-Module einbinden. Letztere haben den Zweck, nicht nur bestimmte Texteinheiten, sondern auch Transformationen in diesen zu definieren. Auf dieser Weise bekommt man dynamische Einbindung von Modulen und auch, dass die Module nur geladen, wenn sie auch benötigt werden.

Das zweite Vorhaben ist die UText-Klasse mit einer Client-Server Architektur zu versehen, womit der Universaltext-Interpreter zu einem Universaltext-Server wird (die Textengine lässt grüßen). Für die lokale Benutzung bedeutet dies einen großen Performancegewinn, denn so können viele kleine Skripts verschiedenes mit dem UText unternehmen, ohne den Ladeprozess desselben Texts jedesmal neu ausführen zu müssen. Das eröffnet aber auch die Möglichkeit eines Internetservers. Eine UText-Datenbank könnte beispielsweise auf udb.u-text.net zur Verfügung gestellt werden für verschiedene dynamische Webseiten oder Webdienste wie Korpus-Textauszüge oder lexikalische Abfragen.

Außerdem müsste ich auch langsam etwas housekeeping im Code machen, die INDEX-Datei in verschiedenen Verzeichnissen durchsuchen und ggf. laden (inkl. ~/.utext), die Module und die Installationsprozedur nach den CPAN-Gewöhnheiten normalisieren, eine Testsuite aufbauen und eine vollständige Dokumentation schreiben, sowohl POD/man wie auch HTML für die Website.

Horizont Lisp

Geschrieben am 04.10.08 #

Lisp als Universaltext avant la lettre?

Lisp looks strange not so much because it has a strange syntax as because it has no syntax; you express programs directly in the parse trees that get built behind the scenes when other languages are parsed, and these trees are made of lists, which are Lisp data structures.

Paul Graham: Revenge of the Nerds. In „Hackers & Painters”, O'Reilly, 1. ed., 2004, S. 188

Philosophische Einheit

Geschrieben am 09.09.08 #

Der Traum der philosophischen Einheit ist definitiv nicht unser Traum. Die Vorstellung einer monolitischen Denkweise graut es uns. Die Philosophie soll vielfältig, lebendig, geistreich, ahnungsvoll, tiefgründig, aufregend sein. Denn bei der Philosophie geht es um Ideen, das heißt, um das Spiel der Vorstellungen, nicht um neutrale, gemeingültige, allgemein zugängliche Kenntnisse. Den Leuten, die sich nach einem weltweiten Einheitsdenken sehnen, kann man nur empfehlen, sich auf die Wissenschaft zu beschränken. Nicht dass hier solche mageren einfallslosen Ideen an sich wertvoll wären, doch so wird man mit etwas Glück einige Früchte ihrer Arbeit noch nutzen können.

Plan 9 bei Bell Labs: Ein Schritt weiter

Geschrieben am 06.09.08 #

Unix hat seit Anfang der neunziger Jahre einen Nachfolger, der die Textorientierung im Betriebssystem noch weiter vorantreibt. Die Erfinder von Plan 9 — die auch die Erfinder von der Programmiersprache C und von Unix sind — haben den Ansatz von Unix weiter entwickelt und setzen auf einen allgemeinen Namenssystem, 9P genannt, das alle Ressourcen, von CPU über Dateien bis Netzwerkverbindungen und periphere Geräte unter einer hierarchischen Struktur zur Verfügung stellt. Die Kommunikation zwischen Rechnern erfolgt auch textbasiert: durch Nachrichten in Klartext. Diese Art von experimentellen Projekten sind es, wie ich glaube, die uns in die richtige Richtung bringen. Früher oder Später werden wir auf diesem Wege zur vollen Textorientierung kommen.

Website von Plan 9 bei Bell Labs

Text ist Ordnung in der Wirklichkeit

Geschrieben am 05.09.08 #

Wie soll der Text real sein? Text wird verstanden, so kann es ihn doch nur in unserem Verstand geben, oder nicht?  Falsch. Wenn ich einen Text in der Welt erkenne, so gibt es zwar den Text als Abstraktion nur in meinem Verstand. Doch nur wenn die Wirklichkeit auf bestimmter Weise geordnet ist, kann ich darin einen Text erkennen. Die Ordnung existiert tatsächlich. Dass die Gegenstände sich auf bestimmter Weise zueinander beziehen, dass die Vorgänge bestimmte Schritte durchlaufen, das ist die Form der Realtät selbst. Sicher kann man sich Texte ausdenken, die nicht echt sind. Aber der Wirklichkeit unterliegt auch ein Text, und dieser ist real.

Wissenschaft bei Kant und danach

Geschrieben am 28.08.08 #

Von Kants Kritikfähigkeit können wir noch lange zehren. Die nachfolgende, an ihn anknüpfende deutsche Philosophie, mögen ihre Verdienste in anderer Hinsicht groß sein, ist in puncto Wissenschaft zweifellos ein Rückschritt. Sicher hat  sich Kant gelegentlich auch von Intuitionen hinreißen lassen — wie er selbst über Rousseau schrieb, ist ohne Enthusiasmus niemals etwas Großes ausgerichtet worden. Und gewiss war sein Hauptanliegen ein Menschliches überhaupt und kein rein Theoretisch-technisches. Doch er hat immer seine Urteile der Wissenschaft untergeordnet, er hat immer das rationale, intersubjektiv erfassbare und prüfbare Gebilde als (wie er es nennt) Probierstein der Wahrheit angenommen. Kein Wunder, dass ihm die neuere Philosophie ein Dorn im Auge war. Mit 72 Jahren beschwerte er sich über den gefühlsbetonten neuen Ton in der Philosophie, mit der unschlagbarer Begründung, der Mensch sei der intellektuellen Anschauung nicht fähig, man könne deshalb nur durch vernünftige Argumente vorankommen, und der vornehme Ton sei unangebracht, weil dieser den Grundsatz der Gleichberechtigung aller Menschen in wissenschaftlichen Fragen zerstört.

Im Grunde ist wohl alle Philosophie prosaisch; und ein Vorschlag, jetzt wiederum poetisch zu philosophieren, möchte wohl so aufgenommen werden, als der für den Kaufmann: seine Handelsbücher künftig nicht in Prosa sondern in Versen zu schreiben.

[Quelle]

Die Bestimmung des Menschen

Geschrieben am 17.08.08 #

Nicht bloßes Wissen, sondern nach deinem Wissen Tun ist deine Bestimmung: so ertönt es laut im Innersten meiner Seele, so bald ich nur einen Augenblick mich sammle und auf mich selbst merke. Nicht zum müßigen Beschauen und Betrachten deiner selbst, oder zum Brüten über andächtigen Empfindungen, — nein, zum Handeln bist du da; dein Handeln und allein dein Handeln bestimmt deinen Wert.

Johann Gottlieb Fichte: Die Bestimmung des Menschen (=Universal-Bibliothek Nr. 1201), Philipp Reclam jun., Stuttgart, 1962, S. 106

Alleskönner

Geschrieben am 07.08.08 #

In der Welt der Softwareentwicklung trifft man häufig auf Leute, die glauben, ein Alleskönner-Programm schreiben zu können oder gar geschrieben zu haben. Der eine erfindet eine Textaufzeichnungsprache und glaubt, damit alles darstellen zu können, der andere meint, durch eine allgemeine Zeigerstruktur zwischen beliebigen Einheiten auf die relationalen Datenbanken verzichten zu können, der dritte träumt davon, mit einer schlichten Webanwendung große Client-Server Informationssysteme zu ersetzen, usw. Das ist vor allem verbreitet unter Leuten, die zum ersten Mal Kontakt mit der Entwicklung und noch wenig Erfahrung damit haben. Eine totale Fehleinschätzung. Die Software kann nicht völlig allgemein sein. Das völlig Allgemeine ist der bloße Rechner ohne Betriebssystem: Alles ist da noch möglich, doch nichts ist schon wirklich. Realität ist — wie Hegel entdeckt hat — Bestimmung, d. h. Einschränkung.

Zusammenfassungen online beziehen

Geschrieben am 04.08.08 #

Eine Online-Firma mit Sitz in Luzern und den Vereinigten Staaten, die auf Zusammenfassungen von Büchern setzt. Neben der Business- mit einer Klassik-Sektion, wo von der Phänomenologie des Geistes über Nietzsche bis Thomas von Aquin und Augustinus eine interessante Auswahl an Titeln vorliegt.

www.getabstract.com/

Wahrheit von Unwahrheit unterscheiden

Geschrieben am 17.07.08 #

Viele Ansätze, die darauf zielen, den „richtigen Weg” für die Wissenschaft zu finden, Wahrheit von Irrtum, Sein von Schein zu unterscheiden, sind deshalb völlig unbrauchbar, weil sie von einer statischen Wahrheitsauffassung ausgehen. Sie sagen: Unter diesen oder jenen Umständen kommen wir zur Gewissheit über dieses und jenes. Das halte ich für grundfalsch, denn die Wahrheit kann streng genommen nur als Ideal, das heißt etwas erstrebenswertes, das dem Gang eine Ausrichtung gibt und selbst nie endgültig erreicht werden kann, aufgefasst werden. Es gibt keine Erkenntnis, die in der Wissenschaftsgeschichte ein für allemal stünde, schon gar nicht das Wissen zu einem bestimmten Zeitpunkt im Ganzen. Die einzig mögliche wissenschaftliche Auffassung von Wahrheit sieht für die Wissenschaft allein die Möglichkeit vor, etwas nicht als „wahr”, sondern als „besser” zu bezeichnen. Was man warum für besser hält, lässt sich selbst auch nicht ein für allemal festmachen, sondern gehört auch zum wissenschaftlichen Korpus. Jeder Fall, jede Entscheidung muss ausdrücklich, formal und öffentlich von der wissenschaftlichen Gemeinschaft sanktioniert und im Korpus festgehalten werden. Die Wissenschaft gibt nicht deshalb Sicherheit, weil sie alles weiß, sondern weil sie selbstkritisch und lernfähig ist. Das wissenschaftliche Wissen ist nicht „wahr”, aber — in seiner Art — das beste, das wir haben.

Philosophiewissenschaft und Ideen

Geschrieben am 16.07.08 #

Einerseits bestehen wir auf die grundsätzliche Trennung von Ideen und Text und behaupten, nur der Text lasse sich wissenschaftlich sichern und die Ideen seien von der Wissenschaft vollständig auszuschließen. Andererseits fassen wir die Philosophie als Beschäftigung mit Ideen auf und streben eine Philosophiewissenschaft an. Sind wir denn hier in ein Widerspruch geraten? Wie kann es überhaupt eine Wissenschaft von (den philosophischen) Ideen geben?

Die Philosophiewissenschaft ist eine Wissenschaft, deren Untersuchungsobjekt Ideen sind. Dabei handelt es sich nicht um Ideen, die die Wissenschaftler selbst haben — das wäre eine Unmöglichkeit —, sondern um Ideen, die es in der Geschichte tatsächlich gegeben hat, nämlich um Ideen von bestimmten Einzelpersonen, den Philosophen, jeweils zu einer Zeit und an einem Ort. Die wissenschaftliche Tätigkeit besteht da nicht darin, die Ideen innerlich „nachzuvollziehen” — was die Wissenschaft grundsätzlich nicht leisten kann —, sondern darin, sie durch die von uns avisierte Ideenanalyse zu spezifizieren. Salopp ausgedrückt führt die Wissenschaft nicht unmittelbar zur „richtigen Intuition” jener Ideen, sondern vermeidet nur allzu großen Interpretationsfehler. Dadurch, dass einige Merkmale der Ideen klar und deutlich ausgemacht werden, kann derjenige, der solche Ideen nachzuvollziehen versucht, einige Irrwege vermeiden.

Das hat aber nicht zur Folge, dass die Philosophiewissenschaft eine „schwache” Wissenschaft werden muß. Ob sie schwach oder stark wird, hängt nur davon ab, wie weit sie mit der Merkmalbestimmung kommt, wie ausführlich und wie tiefgründig ihre Analyse ist. Grundsätzlich unterscheidet sich das überhaupt nicht von der Arbeit, die die Physik für das Verständnis der physischen Welt leistet: Sie äußert bestimmte Verhältnisse, Wesenheiten (was ist wesentlich „Energie”, oder „Kraft”, gar „Materie”?) sind nicht ihr Geschäft.

Fundamentallinguistische Definition der Sprache

Geschrieben am 13.07.08 #

Eine Sprache besteht — fundamentallinguistisch betrachtet — aus einem Symbolbestand (Lexik) samt symbolischen Verbindungsmöglichkeiten (Grammatik). Für die Gesamtheit der bereits existierenden Texte, die eine Sprache einsetzen, stellt die Sprache eine mehr oder minder klar begrenzte architektonische Schicht dar: Die Struktur des Korpus ist so, dass nur bestimmte Symbole vorkommen (Lexik) und dass die vorkommenden Symbole nicht beliebig frei, sondern nach bestimmten Regeln verknüpft werden (Grammatik). Für die Textproduktion stellt eine Sprache ein Textinstrument dar, sie ist ein Werkzeug zur Herstellung von Texten. Indem man wenige Symbole mit wenigen Verknüpfungen zusammenstellt, bringt man durch die im Voraus bestehende Ladung der eingesetzten Sprache im Endeffekt einen enormen Text hervor, der aus vielen Symbolen und vielen Verknüpfungen besteht. Wie jedes andere Werkzeug auch funktioniert die Sprache so: Indem sie die Freiheit verengt, bringt sie herkömmliche Ergebnisse mit geringem Einsatz hervor. So wie jeder mit einem PKW in kürzer Zeit Entfernungen zurücklegen kann, an die gehend nicht zu denken wäre, indem man auf die Freiheit des Gehenden verzichten, den Weg selbst zu bestimmen, und sich auf Straßen und Autobahnen beschränkt, so drückt auch die Sprache symbolisch enorm dichte Aussagen dadurch aus, dass man auf die völlige symbolische Freiheit verzichtet und allein über im Voraus bestehenden Bahnen verkehrt. Die Sprache ist also keine grundsätzliche Voraussetzung für die Textproduktion, genauso wie das Flugzeug und das Auto keine Voraussetzung für die Fortbewegung sind, sondern ein Mittel dazu. Und wie die Fortbewegungsmitteln auch ist die Sprache eine technische Errungenschaft, deren Entwicklung der Mensch nicht als zufällige Erscheinung hinnehmen, sondern selbst in die Hand nehmen soll.

Die Sichtweise des Organons

Geschrieben am 13.07.08 #

Wenn das Organon eine Erscheinung untersucht, sieht es sie unter einem einzigen Aspekt: es sieht einen Text. Wie etwas auf uns Menschen wirkt, ist Nebensache, es geht nur darum, welchen Text dem unterliegt. In einem Disput, einer wissenschaftlichen Theorie, einem Gesetz, einem Softwareprogramm, einem politischen Vorhaben oder einer wirtschaftlichen Maßnahme konzentriert sich das Organon auf den unterliegenden Text, analysiert ihn strukturell und begrifflich und kann die Sache eventuell weiterbringen, indem es Missverständnisse aufdeckt oder Begriffsdefinitionen vorschlägt, die zum Erfolg führen. Das Organon ist universell ohne selbst ein Alleskönner zu sein, dadurch dass er die Textstruktur, die der Mensch überall einsetzt, bearbeitet.

Textorientierte Softwareentwicklung

Geschrieben am 13.07.08 #

Die Textorientierung lässt sich auf allerlei Software anwenden, auch auf die Softwaresysteme, durch die Software entwickelt wird. In einem textorientierten Entwicklungssystem gibt es einen zentralen Textserver, in dem von Quellcode, Entwurfsdokumenten und Anforderungsspezifikationen bis hin zu den Bug-Tracking-Tickets über sämtliche die Software betreffende Kommunikation verwaltet wird.

Der Textauszugsdienst liefert bei Bedarf Ansichten, in denen die Zusammenhänge zwischen beliebigen Elementen, von E-Mail-Austausch bis Quellcode, von Pflichtenheft bis Designentscheidung, nachzuvollziehen ist. Der lexikalische Textdienst ermöglicht nicht nur die begriffliche Navigation durch das ganze Textkorpus in Form von Wörterbüchern und Konkordanzen, sondern unterstützt mehrere Namenssysteme und ermöglicht es, jederzeit lexikalische Änderungen (lexikalische Umbenennungen, Spaltungen, Vereinigungen) vorzunehmen.

Auch der Quellcode ändert sich durch die Textorientierung vollständig, denn er besteht nicht mehr aus getrennten Dateien, jeweils mit einer Zeichenkette, die vom Compiler einzeln übersetzt wird, sondern der ganze geparsete Quelltext wird in den zentralen Universaltext abgelegt und daraus vom Compiler abgefragt. Das ermöglicht die Befreiung von der in einzelnen Dateien festgeschriebenen Kodierung, in dem Sinne, dass der Quelltext in verschiedenen Textauszügen und unter verschiedenen Namenssystemen angezeigt und bearbeitet werden kann. Das eröffnet aber auch ganz neue Möglichkeiten der Quellcode-Umschreibung, durch die selbstständige Schicht des Quelltextes, die zwischen Spezifikation und Implementation liegt.

Einheit der Wissenschaft

Geschrieben am 12.07.08 #

Der alte Menschheitstraum der Einheit aller Wissenschaften lässt sich durch ein stoffliches, formales, einheitliches wissenschaftliches Korpus verwirklichen. Wohlgemerkt ist hier weder von der gesellschaftlichen Organisation „Wissenschaft” noch von wissenschaftlichen Ideen die Rede. Dass die Wissenschaftler sich nach „Disziplinen” gruppieren, womit sie neben Erkenntnissen auch Mentalität, Visionen — und Irrtümer — miteinander teilen, ist nützlich und soll so bleiben, es soll auch keine „Grunddisziplin” geben, auf der alle anderen basieren. Nur sollen diese Einzeldisziplinen als praktische Mitteln angesehen werden, durch die sich der wissenschaftliche Betrieb organisiert, und von den von ihnen erzielten Erkenntnissen sauber getrennt werden. Diese Ergebnisse sollen in das wissenschaftliche Korpus einfließen, und zwar alle Ergebnisse von allen Disziplinen in ein und dasselbe Korpus. Dadurch wird erstmal die bloß formale Einheit der Wissenschaften erreicht. Die inhaltliche Einheit kann dann nach und nach vertieft werden, indem eine wissenschaftliche Arbeit über das Korpus verrichtet wird, die anfangs getrennt liegende Korpusbereiche miteinander verknüpft. Es handelt sich um die organonische Arbeit der begrifflichen und textstrukturellen Rationalisierung, ein fortwährender Prozess ohne ein endgültiges Ende.

Allgemeines und Besonderes in der Wissenschaft

Geschrieben am 12.07.08 #

Unser Ansatz — ganz anders als üblicherweise — hält nicht das Allgemeine, sondern das Besondere für das Objekt der Wissenschaft. Der Rede, dass die Wissenschaft sich nicht um Einzelfälle bemüht, sondern um Regeln, widersprechen wir mit aller Kraft. Denn dieses passt nur zu Physik und Mathematik und abgeleiteten Disziplinen und passt überhaupt nicht zu Geschichte, Archäologie, Paläontologie etc. Wir hingegen halten die einzelne gesicherte Erkenntnis für das Objekt der Wissenschaft. Wir subsumieren jeden Gegenstand unter einem Typ, und sagen: Die Erkenntnis über diesen Baum ist die Erkenntis über ein bestimmtes Vorkommen des Typs „Baum”; die Erkenntnis über eine gewisse Regel ist die Erkenntnis eines Einzelfalls vom Typ „Regelmäßigkeit”. In der Welt gibt es nunmal Bäume, Häuser, Völker, vergangene Zivilisationen, Städte, physikalische Regelmäßigkeiten („Naturgesetze”), psychologische Regelmäßigkeiten, soziologische Regelmäßigkeiten usw. Eine Erkenntnis wird nicht zu Wissenschaft, weil sie von Regeln handelt, sondern, weil sie von der wissenschaftlichen Gemeinschaft gesichert worden ist. Zum wissenschaftlichen Korpus gehören Sätze über einzelne Personen und Geschehenisse ebenso wie Sätze über vielen Einzelfällen unterliegende Regelmäßigkeiten.

Ohne Metaphysik?

Geschrieben am 09.07.08 #

Unter den metaphysischen Schriften des 17. und 18. Jahrhunderts gibt es welche, die durchweg belehrend sind, die sich wichtige Fragen stellen und interessante Antworten liefern. Landet man nach deren Lektüre wieder in die Gegenwart, so erstaunt man, wie kopflos wir heute herumlaufen und welcher Mangel an Gründlichkeit uns auszeichnet. Die gegenwärtige Scheu vor der Metapyhsik hat nicht zur Folge, dass wir frei von Metaphysik leben, sondern ganz im Gegenteil bindet uns das an die Scholle einer grottenschlechten Metaphysik. Denn ohne Metaphysik zu leben, kann der Mensch nicht. Er kann sie nur pflegen und ausreifen lassen oder aber — wie in unserem Jahrhundert — schwächen und verkommen lassen.

Textengine

Geschrieben am 08.07.08 #

Die Textengine stellt das Herzstück eines jeden textorientierten Softwaresystems dar. Es wird nicht die eine Textengine geben, die überall eingesetzt wird, sondern jedes System wird seine eigene haben und wird an ihr gemessen werden. Es wird welche mit ganz unterschiedlicher Größe und Leistungsfähigket geben: Von PC-Betriebssystemen, die auf die Arbeit eines Einzelnen getrimmt sind, über Textserver für lokale Netzwerke, die organisationseigenen Informationen verwalten, bis hin zum weltumspannenden Textnetzwerk, das das globale wissenschaftliche Korpus beherbergen soll. Die Textengine ist keine abgeschlossene Anwendung, deren Entwurf jetzt schon fest stünde, sondern ihre Entwicklung wird immer fortgeführt werden und deren Fortschritte werden vom größten praktischen Nutzen sein.

Textorientiertes Betriebssystem

Geschrieben am 06.07.08 #

Ein textorientiertes Betriebssystem möchten wir uns nun ausmalen. Den Kern bildet eine Textengine, die einen Universaltext verwaltet: in einem einzigen Text stehen alle installierten Softwareeinheiten und alle gespeicherten Informationen zur Verfügung. Die Textengine bietet Dienste zur Textauswertung: Navigation (Verweise verfolgen), Verlinkung (Verweise setzen), Auszugerstellung (Text abfragen), lexikalischen Analyse (Wörterbuch; Konkordanz). Der Benutzer kann jederzeit neue Texteinheiten händisch definieren und dabei die bereits existierenden (inkl.Softwareeinheiten) verlinken.

Da die Textdienste zentral sind, bilden alle im System gespeicherten Informationen eine Einheit. Wenn man beispielsweise über einen Drittanbieter einen literarischen oder historischen Text bezogen hat, kann man ihn genauso auswerten, wie die selbst verfassten Texte auch. Und wenn man Wörterbücher wie den Grimm oder den Duden importiert hat, stehen ihre Informationen in jeder lexikalischen Abfrage zur Verfügung. Ganz anders als heute, wo man mit einem Textkorpus oder einem Wörterbuch auch eine davon unzertrennbare Anwendung mitinstalliert, lässt sich in ein textorientiertes System der Inhalt importieren, der perfekt mit dem bereits Bestehenden integriert wird. Wenn ich den Grimm installiere, dann installiere ich nicht eine Anwendung, die den Grimm zeigt, sondern importiere ich den Text des Grimms in das zentrale Wörterbuch (genauer gesagt in den zentralen Universaltext). Und ich kann unabhängig davon eine Anwendung kaufen, die eine Benutzeroberfläche zum Wörterbuch bereitstellt, diese kann ich aber für alle Wörterbücher, die in meinem System gespeichert sind, auch die von mir gepflegten, benutzen.

Der Kern des Organons

Geschrieben am 05.07.08 #

Das Organon, das mir vorschwebt, ist das allgemeine Instrument für die intellektuelle Arbeit. Es lässt sich überall anwenden, wo eine sachliche oder fachliche Sprache eingesetzt wird, also auf jedwede menschliche Tätigkeit, von der spontanen Schilderung eines Sachverhaltes bis hin zur Wissenschaft, vom Streitgespräch bis hin zur Rechtsordnung, vom Kochrezept bis hin zur Ingenieurskunst. Die Universalität des Organons rührt daher, dass es die Begrifflichkeit an sich untersucht und deren Anwendung, die von einzelnen Aussagen bis zu weitläufigen Textgeflechten reicht. Die Notwendigkeit des Organons ergibt sich natürlicherweise daraus, dass der Mensch ein vernünftiges Wesen ist, der formal-logisch denken und sprechen kann. Da der Mensch nun mal die Fähigkeit hat, — wie wir das nennen — Texte zu verstehen, sie formal umzuwandeln,  an die Wirklichkeit anzuwenden und durch mündliche und schriftliche Sprache auszudrücken, liegt es nahe, diese Fähigket zu untersuchen, Erfahrung damit zu sammeln, um zu besseren, ausgereiften Leistungen von dieser Anlage zu gelangen.

Whorf: Linguistik, Richter der Wissenschaften

Geschrieben am 01.07.08 #

Aus: Benjamin Lee Whorf: Sprache - Denken - Wirklichkeit.Rowohlt Taschenbuch Verlag, Hamburg, 2003, S. 31:

Wir alle wissen heute, wie machtvoll und bedeutend die von Physik, Chemie und Biologie erforschten Kräfte sind. Die Menschen wissen aber im allgemeinen noch nicht, daß die Kräfte, die die Linguistik erforscht, ebenfalls mächtig und bedeutungsvoll sind, daß ihre Prinzipien jede Art von Übereinkommen und Verständnis zwischen menschlichen Wesen beherrschen und daß die Linguistik früher oder später in die Rolle eines Richters geraten wird, dem die anderen Wissenschaften ihre Resultate vorlegen, damit er untersuche, was sie bedeuten. Wenn diese Zeit kommt, dann wird es große, gutausgerüstete Laboratorien der Linguistik geben, wie es sie heute schon für die anderen exakten Wissenschaften gibt.

Was ein Rechner ist

Geschrieben am 29.06.08 #

Das Wesen der Computer besteht in der maschinellen Verarbeitung von Texten. Auf unterster Ebene besteht ein Rechner aus Schaltkreisen, d.h. physischen Einheiten, die elektrische Signale symbolisch — nicht analogisch — verarbeiten. Sie verarbeiten symbolische Geflechte, also Texte. Auf oberster Ebene dient eine Computeranlage dazu, Texte aufzubauen und zu verarbeiten. So besteht beispielsweise die Datenbank einer Bank in einem Text, der alle Kunden, deren Konten und wiederum deren Bewegungen festhält. Wohlgemerkt setzt diese Definition unseren Textbegriff voraus, denn in den Computern geht es nicht um „Schriften”, sondern um unsere grundlegende allgemeine Textstruktur. Lassen wir uns nicht irritieren von der Tatsache, dass die Computer auch Sachen speichern und verarbeiten, die für uns Menschen keine Texte sind, wie etwa Musik, Bilder oder Videos. Für den Rechner sind das alles durch und durch Texte; ohne die sogenannte Digitalisierung — sprich die textmäßige Darstellung untextmäßiger Inhalte — wäre dies alles informatisch gar nicht zu behandeln.

Wohlordnung

Geschrieben am 28.06.08 #

Wie erklärt sich die Wohlordnung? Warum ordnet der Texteinsatz die Realität zum Guten? Dass die textmäßige Steuerung Ordnung bewirkt, ist kein Wunder, sondern eine Tautologie, denn geordnet nennt man die Sachlage, die sich mit einer einfachen Regel beschreiben lässt. Die Gestaltung der Wirklichkeit so, dass sie einem (kleinen) Text entspricht, bewirk also per definitionem Ordnung. Nur warum ist die Ordnung gut? Dass wir die Ordnung gut finden, ist zum Teil eine subjektive Bewertung. Nicht alle Völker legen so viel Wert auf die Ordnung wie die Deutschen — für die der ganz alltägliche Satz „alles in Ordnung” so viel bedeutet wie „alles ist korrekt” —. Doch die Wohlordnung ist auch etwas rein pragmatisch Gutes, sie wird zum Beispiel in der Informatik und der Ingenieurskunst genauso hoch geschätzt wie in Politik, Recht und Wissenschaft. Ja in der Universalgeschichte überhaupt geht die Wohlordnung mit zivilisatorischem Fortschritt einher. Ein wohlgeordneter Sachbestand lässt sich von Menschen überblicken und steuern. Die Menschen können ihn verstehen und ggf. ändern.

Was Vernunft ist

Geschrieben am 27.06.08 #

Vernunft ist die Fähigkeit, Handlungen und Gedanken durch Texte zu steuern, das heißt textkonform zu denken und handeln. Die Tatsache, dass der steuernde Text in der Regel gar nicht ausgedrückt wird und deshalb selbst in der Zwischenwelt zwischen Traum und Realität bleibt, hat historisch zu der Vernebelung des Begriffs geführt, dem man sich bisher nur mit falschen metaphysisch betonten Voraussetzungen genähert hat. Man braucht nur bei jedem Auftreten einer als vernünftig gekennzeichneten Handlung den leitenden Text auszuformulieren, um zu sehen, dass das jeweils Vernünftige objektiv definiert werden kann. Eine vernünftige Diskussion erkennt man an bestimmten Formalitäten, die den Sprachgebrauch betreffen: Man setzt — mit dem Zweck, Missverständnisse vorzubeugen — die Worte möglichst eindeutig ein, bemüht sich um Begriffsklärung und formuliert die Sätze aus. Je vernünftiger man sein soll, desto formaler wird der Sprachgebrauch, das heißt desto objektiver wird der unterliegende Text verstofflicht. Eine vernünftige Handlung zeichnet sich durch den Einsatz von Regeln aus, man kann sie als Verwirklichung eines Satzes beschreiben.

Das Kind, das anfängt, den Vernunftsgründen zugänglich zu sein, ist in der Lage, symbolische Zusammenhänge zu erfassen und sie im Tun und Sagen sachgemäß anzuwenden. Der an einem Streit beteiligter Mensch, der sich durch Vernunftsgründe von etwas, das zunächst gegen seinen Willen ist, überzeugen lässt, tut nichts anderes, als den Wert des durchgängig textkonformen Handelns und der dadurch erreichten Wohlordnung an sich als höher einzuschätzen, als den eigenen Vorteil in einem Einzelfall.

Einheit der Wissenschaften und Monokultur

Geschrieben am 23.06.08 #

Die Wissenschaft leidet bereits unter kultureller Armut innerhalb bestimmter Fachbereiche: Einige Disziplinen gehen mit einem Menschenschlag einher, alle, die sie betreiben, teilen Vorurteile und Wünsche, manchmal gar politische Ausrichtung. Die Phantasie ist innerhalb manchen Disziplinen so uniform, das man sie von den Fachkenntnissen nicht mehr trennen kann. Angesichts der aktuellen Lage können Bemühungen für die Einheit zwischen Geistes- und Naturwissenschaften, beispielsweise von Wilson, wie eine Bedrohung wirken: Sollen wir denn nicht nur Inselkulturen rund um Einzeldisziplinen, sondern sogar eine einzige Ideologie für die ganze Wissenschaft haben? Sollen jetzt der Archäologe, der Astronom und der Literaturwissenschaftler denn mit denselben Kategorien ihre Arbeit verrichten? Sollen jetzt die Handlungen Caesars mit denselben Augen wie die Kernfusion gesehen werden? Nein! Dass einige Disziplinen ideologisch befangen sind, ist schon schlimm. Wäre die ganze Wissenschaft zu einer einzigen Monokultur geworden, so wäre dies die reinste Katastrophe.

Die Monokultur ist keine notwendige Folge der Wissenschaft, sondern entsteht aus einem Missverständnis, aus der Fehleinschätzung nämlich, die Wissenschaft kann die persönlichen Einsichten bestätigen. Das kann sie aber nicht. Das, was wir miteinander sichern können, ist nie eine Vorstellung, sondern allein Sätze, keine Anschauungen, sondern Formulierungen. Wenn man von den hiesigen Begriffen von Text und Idee ausgeht, ist es sofort ersichtlich, dass nur Texte das Geschäft der Wissenschaft sind und dass die Ideen völlig außen vor zu lassen sind. Die Wissenschaft ist keine „Suche nach der Wahrheit”. Die Wissenschaft kann von Menschen benutzt werden, die nach der Wahrheit suchen, und kann eine unersetzliche Quelle von Informationen und eine unbestechliche kritische Instanz sein. Viele Menschen aber können aus vielen Perspektiven, mit verschiedenen kulturellen Hintergründen, verschiedenen Zwecken und verschiedenen Träumen nach der Wahrheit suchen. Das ist Kultur, und diese ist desto besser, je vielfältiger sie ist. Die rationale Kritik und die systematische Sammlung von gesicherten Erkenntnissen will von Natur aus universal sein. Das ist Wissenschaft, und diese ist desto besser, je einheitlicher sie ist.

Einheit der Wissenschaften nach Wilson

Geschrieben am 22.06.08 #

Edward O. Wilson sucht in der soeben erwähnten Vorlesung nach einer Brücke zwischen Geistes- und Naturwissenschaften. Der amerikanische Biologe strebt nach der Einheit der Wissenschaften, siehe dazu sein Buch Die Einheit des Wissens (Goldmann Verlag, München, 2000).

Seine Suche nach der Einheit, die ich natürlich begrüße, kommt mir in der Ausführung als unzureichend vor. Wilson glaubt, die Einheit der Wissenschaften kann hergestellt werden, indem man neben den heutigen Disziplinen (unter denen er science, humanities, philosophy nennt) neue Brückendisziplinen (in der Art Soziobiologie oder Neuropsychologie) entwickelt. Das halte ich für aussichtslos. Unter den Wissenschaften wird man nur dann eine richtige Einheit herstellen können, wenn man sie alle von Grund auf erneuert. So wohnen die heutige Physik und die heutige Geschichte in parallelen Welten, und wir werden sie nur dann in einem konsistenten Ganzen integrieren können, wenn wir beide gründlich erneuern. Voraussetzung für die Einheit der Wissenschaften ist der völlige Umbau jeder Einzelwissenschaft auf der Basis gemeinsamer Grundlagen. Wenn die Einheit der Wissenschaften einmal erreicht wird, dann wird das ganze Wissen anders aussehen als heute, die Physik und die Geschichte werden ganz anders als die gegenwärtigen sein und sie werden zueinander und zum Ganzen passen.

Der Ansatz Wilsons kommt mir auch insofern zu kurz, als er die Einzeldisziplinen als getrennte Wissenseinheiten auffasst, und dann sich bemüht, Verknüpfungen zwischen ihnen herzustellen. Ich hingegen plädiere dafür, dass jede Disziplin ihre Ergebnisse in das einheitliche wissenschaftliche Korpus integriert. Auf dieser Weise hat die praktische Notwendigkeit, die wissenschaftliche Arbeit in verschiedenen kleinen Organisationen zu betreiben, nicht zur Folge, dass das Ergebnis auch in kleinen getrennten Wissensbereiche zerteilt ist. Indem wir die Wissenschaftler vom Wissen grundsätzlich trennen, vermeiden wir von Grund auf jegliche Parzellierung des Wissens.

Auch nicht einverstanden bin ich mit der Auffassung Wilsons, die Einheit der Wissenschaften sei ein bloßer Wunsch, den man heute nicht selbst als wissenschaftlich einstufen kann, den man nicht rational begründen, sondern nur daran glauben kann. Meine Theorie stellt klar, dass die Wissenschaft definitionsgemäß die Einheit anstrebt. Aus dem Begriff der Wissenschaft als gesichertes Wissen ergibt sich rein logisch der Begriff des einheitlichen, stofflichen, formalen wissenschaftlichen Korpus und daraus zwangsläufig die Einsicht, das wissenschaftliche Wissen strebe nach Einheit. Wenn man überhaupt Wissenschaft betreibt, dann muss man die Einheit alles Wissens anstreben. Sonst betreibt man die Wissenschat nicht allen Ernstes und wird auch nicht alles von ihr erhalten, was sie geben kann.

E. O. Wilson: Synergism Between Science and the Humanities

Geschrieben am 22.06.08 #

University of California Television, Veröffentlicht 29 Mai 2002

Philosophiewissenschaft

Geschrieben am 22.06.08 #

So wahr es ist, dass es keine philosophische Wissenschaft geben kann, so wahr ist es auch, dass es die kulturelle Realität der Philosophiegeschichte gibt. Es gibt in der Geschichte der Menschheit in vielen Kulturen Denker, die große Ideen hervorgebracht haben. Das ist ein Kulturgut ersten Ranges, das zu pflegen und getreu zu überliefern gilt. Es bedarf einer Philosophiewissenschaft, einer Kulturwissenschaft, deren Untersuchungsfeld die historisch hervorragenden persönlichen Ideen aller Kulturen und aller Zeiten ist. Sie soll keineswegs selbst „Philosophie” hervorbringen, sondern das bereits Hervorgebrachte freilegen. Ihr Zweck soll die wissenschaftliche Erschließung der philosophischen Werke sein. Ihre gesellschaftliche Wirkung wird sein, das Verständnis dieser Werke in der Gesellschaft zu verbreiten und vertiefen. Sie wird es auch ermöglichen, die von den Philosophen erhaschten Einsichten in die Wissenschaft und Kultur einfließen zu lassen.

Die Philosophiewissenschaft wird zu einer Neuorganisierung des philosophischen Faches an den Universitäten führen, die bei der Anwendung die Identitätskrise dieses Faches zur vollen Zufriedenheit lösen, das Fach in der Universität sinnvoll integrieren und es überhaupt zu einer gesellschaftlich nützlichen wissenschaftlichen Institution werden lassen wird.

Keine philosophische Wissenschaft

Geschrieben am 19.06.08 #

Aus dem Philosophiebegriff, der Philosophie als persönliche Auseinandersetzung mit Ideen auffasst, folgt die Erkenntnis, dass es keine Philosophie betreibende Disziplin geben kann. Philosophie kann nur jeweils von einem Menschen betrieben werden, weil es um jeweils seine Ideen geht und man die eigenen Ideen als solche nicht mit anderen Menschen teilen kann. Die Wissenschaft denkt nicht, das ist kein Mangel, sondern entspricht ihrer Beschaffenheit. Das einzige, was die Wissenschaft für die Philosophie machen kann, ist dem Einzelnen Hilfsmittel und Informationen bereitzustellen, um ihm in seiner eigenen Ideenarbeit beizustehen. Das wird aber naturgemäß nie zu einem „Fach” führen, sondern je nach dem, worüber die Ideen jeweils sind, wird es sich um diese oder jene Einzelwissenschaft handeln.

Deswegen ist die Philosophische Fakultät in der modernen Universität nie zu einem sinnvollen Fach geworden und herrscht da die größte Unordnung und Kopflosigkeit. Sie bildet keine Denker aus, sondern ideenschwache orientierungslose Doxologen. Die moderne Universität zeichnet sich dadurch aus, dass sie ein Großbetrieb ist, deren Agenten keine Elite mehr, sondern eine Legion meist mittelmäßiger Mitarbeiter sind. Wenn die Masse „selbst denken” will, so ensteht daraus bestenfalls eine Popkultur, in der Regel bloß pendelnde Modeerscheinungen. Die gegenwärtige Philosophische Fakultät ist ein Überbleibsel der Vergangenheit und hat keine Daseinsberechtigung mehr. Es gibt keinen Platz für eine wissenschaftliche Philosophie: Die Erkenntnisse über die Realität werden von Einzelwissenschaften erzielt; mit den grundlegenden wissenschaftlichen Theorien, die Einzelwissenschaftübergreifend sind, soll sich die zu gründende Organonwissenschaft beschäftigen; darüber hinaus gibt es nur die Ideenentwicklung, das ist aber eine freie kreative kulturelle Tätigkeit und grundsätzlich keine wissenschaftliche. Mit der Philosophischen Fakultät lässt sich heute sinnvollerweise nur eins tun: sie aufzulösen.

Philosophiebegriff

Geschrieben am 18.06.08 #

Wenn man verschiedene Menschen, die das Wort Philosophie in den Mund nehmen, fragt, was Philosophie sei, erhält man eine bunte Vielfalt von Antworten. Vom Mitglied einer pseudophilosophischen Sekte bis zum christlich-dogmatischen Leser Aristoteles über den Genießer weltanschaulicher Literatur, den in der analytischen Literatur verfangenen Philosophieprofessor oder den einfachen Menschen, der sich Gedanken über Gott und die Welt macht, sie alle gehen oberflächlich gesehen ganz andere Tätigkeiten nach und glauben, jeweils etwas ganz anderes zu machen. Wenn man von der Verschiedenheit der Absichten und Selbsteinschätzungen absieht, und sich darauf konzentriert, festzustellen, was diese Leute eigentlich machen, dann kommt man zur Einsicht:

Philosophie ist die persönliche Auseinandersetzung mit Ideen zum Zwecke der Einsicht.

Es geht um Ideen, das heißt, um Vorstellungen, und zwar um welche, mit denen man zu verstehen, sich zu orientieren, versucht. Es geht um die persönliche Auseinandersetzung mit diesen Ideen. Man liest, oder hört, man ruht und denkt nach. Es handelt sich um eine Tätigkeit, die man grundsätzlich nur allein betreiben kann. Miteinander können wir das nicht direkt betreiben, aber fördern, indem wir einen angemessenen Raum dafür schaffen.

In der Gesellschaft sollte diese Definition von Philosophie konsequent eingesetzt werden, weil sie Klarheit schafft und Ordnung bringen kann in der Öffentlichkeit, der Schule und der Universität. Sich auf einen inhaltlichen (philosophischen) Philosophiebegriff zu einigen, ist nicht nur unmöglich, sondern auch nicht wünschenswert, weil dies eine geistige Verarmung darstellen würde. Der hier vorgeschlagene formale Philosophiebegriff hingegen könnte meines Erachtens einheitlich in der Gesellschaft angenommen und eingesetzt werden. Jeder Einzelne darf Philosophie frei betreiben, und unter diesem Namen das tun — auch in der Öffentlichkeit —, was er für richtig hält. Die gesellschaftlichen Strukturen, darunter Schule und Universität, sollen sich aber nicht an bestimmten philosophischen Ansätzen binden, sondern allein den Raum für die Ideenentwicklung und den Ideenaustausch schaffen, den Raum, in dem jeder seinem eigenen Weg nachgehen kann.

Umsetzung des wissenschaftlichen Korpus

Geschrieben am 12.06.08 #

Aus der Einsicht, dass Wissenschaft wesentlich Text ist, ergibt sich das Programm, die Resultate aller Wissenschaften in ein einheitliches wissenschaftliches Korpus zu integrieren. Doch wie kann man dies bewältigen? Ist die Anzahl von Artikeln, Monographien, Handbüchern nicht viel zu groß, um sie alle unter einen Hut zu bringen? Natürlich geht es nicht darum, alle Ergebnisse der Wissenschaft einheitlich zu Druckform zu bringen. Das stelle ich mir eher so vor, wie das aktuelle World Wide Web. Es könnte im Internet einen Raum geben (zB sci://), der nur von wissenschaftlichen Institutionen betrieben würde, in dem diese die Ergebnisse der Forschung formalisiert veröffentlichen, und zwar im Sinne vom Semantischen Web, nicht als natürlichsprachliche Webseiten. Diese Technik würde es der Wissenschaft ermöglichen, das enorme Volumen an Publikationen zu bewältigen, was mit Druckmitteln nicht machbar wäre. Noch wichtiger als das jedoch wäre die Tatsache, dass das wissenschaftliche Korpus auf dieser Weise maschinell kontrolliert würde, womit die Qualität der Textkonsistenz und die Abfragemöglichkeiten ein unschlagbares Niveau erreichen würden.

Das Wesen der Wissenschaft (III) — Ideen

Geschrieben am 11.06.08 #

Was weiß die Wissenschaft? Was entsteht durch den wissenschaftlichen Betrieb? Gesicherte Erkenntnisse? Was ist eine „Erkenntnis”? Wie kann man eine Erkenntnis überhaupt „sichern”?

Nehmen wir einen beliebigen Satz, der zu den Ergebnissen der Wissenschaft gehört, etwas, das die Wissenschaft zurzeit für wahr hält. Was ist hier die „Erkenntnis”? Ich kann den Satz lesen und kann verstehen, dass die Realität sich so verhält, wie der Satz es behauptet. Doch diese meine Vorstellung, die ich voreilig als „Erkenntnis” bezeichnen könnte, ist allein meine Idee und entstammt deshalb meiner Vorstellungskraft, nicht der Wissenschaft. Was ich „denke”, wenn ich ein Newtonsches Gesetzt nachvollziehe, kann unmöglich das Ergebnis der Wissenschaft sein: Das würde voraussetzen, dass andere Menschen (die Wissenschaftler) meine Gedanken wahrgenommen und geprüft hätten. Die Menschen sind aber nun mal nicht in der Lage, Gedanken anderer wahrzunehmen, sondern nur jeweils die eigenen.

Wenn man in der Wissenschaft einen Satz für wahr hält, so deshalb, weil dieser Satz sich mit der Zeit bewährt hat: Man hat ihn im Zusammenhang anderer für wahr gehaltenen Theorien geprüft und keine Inkonsistenz gefunden, er erklärt etwas Neues, für das keine bessere Erklärung vorliegt, etc. Hier geht es also um geprüfte Sätze, nicht um geprüfte „Vorstellungen”: Der Satz wurde verschiedentlich interpretiert, mal formal (mathematisch), mal hat man ihn an dieser oder jener Realität angewendet. Die Rede von irgend welcher „Erkenntis” im Sinne von Bewusstseinsinhalt ist hier eine unzutreffende, unnützliche, irreführende Abstraktion.

Die Ideen gehören also nicht zur Wissenschaft, sichern kann diese nur die Texte, weil allein diese sich unverändert, exakt von den Wissenschaftlern erfassen und prüfen lassen. Daraus ergeben sich viele Konsequenzen, darunter: Ideen über die Realität lassen sich grundsätzlich wissenschaftlich nicht untermauern (falsche Ideen können mit richtigen Theorien übereinstimmen, auch dann, wenn diese Ideen die Theorien hervorgebracht haben); die Ideendiskussion gehört nicht zum eigentlichen wissenschaftlichen Betrieb (die wissenschaftliche Diskussion soll sich an den Texten halten).

Ideen in der Wissenschaft: Himmel und Hölle

Geschrieben am 10.06.08 #

Die Ideen sind in der Wissenschaft eine zweischneidige Angelegenheit: Sie haben das Allerbeste und das Allerschlimmste hervorgebracht, sie haben mal neue fruchtbare Wege eröffnet, mal das Verharren an falschen Ansätzen lange Zeit hindurch verursacht.

Wie sollen wir dann in der Wissenschaft mit den Ideen umgehen? Sollen wir sie wünschen oder vermeiden?

Beides. Man soll sich auf die Ideen verlassen, um Neues in die Wissenschaft einzubringen: um alternative Theorien vorzuschlagen, um kühne neue Zusammenhänge herzustellen, um neue Bereiche ungeniert anzugehen. Die Ideen sind für die Wissenschaft eine ersatzlose Quelle der Kreativität und sollen in dieser Rolle gefördert werden. Auf der anderen Seite sollen die Ideen von allen kritischen Tätigkeiten im wissenschaftlichen Betrieb verbannt werden. Die Prüfung, ob eine Aussage stimmt, soll möglichst ideenfrei erfolgen. Wenn man sich an diese Trennung hält, wird die Wissenschaft von guten Ideen profitieren, ohne von schlechten gehemmt zu werden.

Das Wesen der Wissenschaft (II) — Epistemologie

Geschrieben am 09.06.08 #

Wieso ist das wissenschaftliche Wissen überhaupt wahr? Wenn es wahr sein sollte, wieso stellt es sich in der Wissenschaftsgeschichte immer wieder als falsch heraus? Warum sollte man die Naturwissenschaft gerade auf Experiment und Mathematik basieren? Gibt es überhaupt so etwas wie ein reines Experiment? Was ist die Mathematik überhaupt? Wieso sollten Eigenschaften der idealen mathematischen Welt auch auf die reale Welt zutreffen? Worauf sollte man die Geisteswissenschaften basieren? Nicht auf Experiment und Mathematik? Dann haben wir grundsätzlich mindestens zweierlei Wissenschaften?

Wenn man die Wissenschaft als Text auffasst, lösen sich sofort viele epistemologischen Fragen auf und es entsteht ein klares, einfaches, selbstkritisches Bild der Wissenschaft. Den Text im realitätsaufbauenden Modus einzusetzen, ist eine Fähigkeit des Menschen. Das tun wir, wenn wir sachlich sprechen. Alle Menschen von allen Zivilisationen und allen Zeiten verstehen den Text gleich. Das setzen wir ein, wenn wir Standpunkte diskutieren und uns dann einigen. Wieso wir überhaupt durch Anwendung des Textes einen gewissen Erfolg haben, wieso uns das für das praktische Tun und das Zusammenleben wie auch — wie wir uns einbilden — für das Verstehen nützlich ist, das ist ein Rätsel. Das ist aber auch das einzige Rätsel, denn aus dieser Tatsache ergibt sich der ganze Rest.

Die Wissenschaft entsteht, wenn Menschen sich organisieren, um einen größeren Text im realitätsaufbauenden Modus über längere Zeit aufzubauen. Wenn da die Logik angewendet werden muss und die Konsistenz oberstes Gebot ist, so ist das keine „metaphysische” Annahme, sondern einfach der Stoff, aus dem die Texte sind. Ein inkonsistenter Text ist ein schwacher Text. „Mathematik” ist der Name einer historisch entwickelten Wissenschaft, die Textstrukturen untersucht. Hier wird keine „ideale Welt” beschrieben, sondern die Formen des Textes. Deshalb gilt die Mathematik unbedingt für alle Menschen und deshalb gilt sie unbedingt für die Wissenschaft. Die Verallgemeinerung der Mathematik, die für alle Einzelwissenschaften gelten soll, ist die Wissenschaft der Textformen. Das ist die gemeinsame Grundlage von Natur- und Geisteswissenschaften, die Grundlage von allen Wissenschaften überhaupt, die somit der Wissenschaft im Ganzen Einheit gibt.

Der wissenschaftliche Text, über den man zu einem gewissen Zeitpunkt verfügt, ist natürlich unvollkommen. Nicht nur bedeckt er nicht alle Tatsachen, sondern enthält er auch Ungeprüftes (das sich als falsch herausstellen könnte) und Inkonsistenzen, man kann ihn außerdem immer strukturell verbessern. Es ist also selbstverständlich, dass das wissenschaftliche Wissen jeweils nicht wahr ist. Was wir Wissen ist immer falsch, wir können aber fortschreiten und zu besseren Texten kommen.

Die Frage, was wäre dann, wenn der wissenschaftliche Text vollendet wäre, wenn er alles einbeziehen würde und auch in seiner Struktur nichts mehr zu verbessern wäre, würde die Wissenschaft dann „alles” Wissen oder sich nur mit einem Teilaspekt der Realität begnügen müssen?, bleibe dahingestellt.

Das Wesen der Wissenschaft

Geschrieben am 08.06.08 #

Das Wesen der Wissenschaft liegt darin, einen Text aufzubauen, der die Realität so beschreibt, wie sie ist. Wissen nennt man den resultierenden Text, wenn man sich daran im realitätsaufbauenden Modus hält.

Diese meine Interpretation des Wesens der Wissenschaft stimmt erst einmal rein formal mit den Wissenschaften, die es seit jeher in allen Zivilisationen gegeben hat. Denn es hat immer einen ausformulierten Text gegeben, sei es eine mündlich überlieferte Geschichte oder eine mehr oder minder fixierte Schriftensammlung, die jeweils als das erreichte Wissen gegolten hat. Diese Interpretation lässt auch das Klischee, die moderne Naturwissenschaft sei deshalb so erfolgreich, weil sie 1. auf Experiment und 2. auf Mathematik beruhe, unter neuem Licht erscheinen. In Wahrheit ist die moderne Naturwissenschaft deshalb so erfolgreich, weil sie 1. den Text kritisch prüft und 2. den Text formal fixiert. Kritische Textprüfung bedeutet, den Text in allen möglichen Umständen anzuwenden, ohne ihn zu verändern, um zu sehen, ob er jeweils mit der Realität übereinstimmt. Fixierter Formalismus bedeutet, dass es nicht um sinngemäß zu deutende Prosa, sondern möglichst um formalsprachliche Ausdrücke geht, die man unvoreingenommen einsetzen kann. Wenn man sich die weniger erfolgreiche Einzelwissenschaften anschaut, fällt einem tatsächlich auf, dass sie sowohl wenig kritisch hinterfragt wie auch wenig formal ausgedrückt sind, dass es da also weniger um Text und viel mehr um Ideen geht, was bekanntlich der Inbegriff der Unwissenschaftlichkeit ist.

Noch wichtiger erscheint mir aber dieser Begriff der Wissenschaft insofern, als er einen vielversprechenden einzuschlagenden Weg aufzeigt. So lange man auf Experiment und Mathematik fixiert ist, kann man keine Historie, keine Literatur- und keine Rechtswissenschaft als strenge Wissenschaft betreiben. Wenn man sich hingegen um einen ausformulierten geprüften Text bemüht, kann man sich genauso gut fundiert mit Geistes- wie mit Naturwissenschaften beschäftigen. Über alles, worüber man sachlich sprechen kann, lässt sich grundsätzlich Wissenschaft machen.

Die Physik in der Sackgasse?

Geschrieben am 07.06.08 #

Wolfgang Neundorf setzt sich in der Website Die Physik in der Sackgasse? kritisch mit der Physik auseinander. In der Zwischenbilanz drückt er ein Unbehagen aus: die Autorität soll schon wieder in der Physik herrschen, die Wissenschaft soll zu reiner Glaubenssache verkommen, die Aufklärung vernichtet worden sein. Es ist offensichtlich, dass der Autor sich viel mehr als ich in der Physik auskennt und damit beschäftigt hat und kennt deshalb wohl auch die gegenwärtigen Physiker viel besser. Warum spricht er da vom „Glauben” im überlieferten Wissen? Ich kann mir gut vorstellen, dass hier die Ohnmacht des Einzelnen gegenüber den wissenschaftlichen Institutionen ausgedrückt wird, dass jeder Physiker die Lehrmeinung kritiklos annimmt, unter dem Motto: Es muss ja wohl stimmen, da so viele Kollegen, Fachpublikationen, Kongresse, etc. darin übereinstimmen. Wie weit das den Gang der Physik im Ganzen bestimmt, kann ich selbst nicht beurteilen.

Aus dem Herzen spricht mir der Autor, wenn er bemängelt, dass Immanuel Kants Theorie (die der Autor Wissenschatswissenschaft nennt) nicht in die Wissenschaft eingegangen ist. Jawohl, die Wissenschaft hat von all dem kein Wort vernommen, es ist ihr nicht anzumerken, dass es einen Kant (um nur einen großen philosophischen Namen zu nennen) gegeben hat; ihr fehlt überhaupt absolut an tiefgründigen Theorien. Die Einzelwissenschaften beschäftigen sich jeweils nur mit einem peripherischen Bereich von allem, und es gibt sonst nichts in der Wissenschaft, das nicht innerhalb einer bestimmten Einzelwissenschaft gemacht worden wäre. Die Erkenntistheorie findet einfach deshalb keinen Platz in der Wissenschaft, weil sie zu keiner „Einzelwissenschaft” passt. Naturgemäß sollte sie eine Schicht unter allen Einzelwissenschaften bilden.

Ich fühle mit dem Autor mit, wenn es ihm an Denken in der heutigen Wissenschaft fehlt. Mir auch. Er kann sich damit nicht abfinden, dass die Pysik einfach nicht zu verstehen ist, ihm graut es, dass die Physiker sich daran gewöhnt haben und nicht mehr nach dem Sinn suchen, sondern sich mit der bloßen mathematischen Formulierung begnügen. Da ist der Autor wohl einer der letzten Europäer, einer der noch die Welt zu verstehen sucht.

Text, Sprache, Realität

Geschrieben am 01.06.08 #

Ein Text ist ein symbolischer Ausdruck, der aus bestimmten Symbolen besteht und diese in einem artikulierten Ganzen integriert. Einen Text als solchen zu verstehen, bedeutet, die Symbole zu erkennen und das Beziehungsgeflecht zu erfassen.

Der Text wird so weit wir wissen nur von Menschen als solcher verstanden und zum Zwecke dieses Verstehens hervorgebracht. Beim Sprechen oder Schreiben gestaltet man die Materie so, dass andere durch Erkennen der Ordnung in den Lauten bzw. den Schriftzeichen wieder den Text erfassen. Der Text kommt aber als solcher auch ohne menschliches Tun in der Welt vor. Zum Beispiel ist die genetische Information in den Lebewesen ein Text: Mit den Symbolen A, G, T und C werden Texte gebaut, die biologisch symbolisch (in der DNA-Replikation, der Transkription, etc.), nicht analogisch wirken.

Den Text können die Menschen in Realität aufbauenden Modus einsetzen: Man kann in den Sachen eine Ordnung herausfinden und sie textmäßig zum Ausdruck bringen. Warum solche Texte überhaupt stabil wirken, warum sie von verschiedenen Menschen als zutreffend anerkannt werden können, ist ein Rätsel. Die Frage läuft darauf hinaus: Wieso ist die Welt verstehbar? Tatsache ist, wir haben offensichtlich mit Text einen gewissen Erfolg beim Verständnis der Welt.

Wenn Galilei der Natur eine mathematische Formel errungen hat, dann hat er etwas Wahres über die Realität herausgefunden. Die Materie befolgt nicht erst seit Galilei bestimmte Gesetze, nur Galilei hat als erster diese Gesetze ausformuliert und seitdem wissen die Menschen, dass diese Gesetze zur physischen Welt gehören. Die Gesetze Galileis sind ein Text, kein sprachlicher Ausdruck. Diese Gesetze lassen sich in vielen natürlichen Sprachen ausdrucken, auf Italienisch, Lateinisch, Tibetisch, Japanisch, etc.. Dabei entstehen nicht jeweils andere Gesetze, sondern immer dieselben, die man am deutlichsten und genauesten in mathematischer Notation aufzeichnet.

Was ist der Text in einem sprachlichen Audruck? Das, was die grammatikalische Analyse des Ausdruckes ausmacht. Die Symbole sind die Laute bzw. Schriftzeichen, diese werden gruppiert, um zuerst morphologische, dann syntaktische Einheiten darzustellen. Die in einem sprachlichen Ausdruck vorhandenen Symbole zusammen mit deren Artikulation bilden den Text. Wenn man die Spezifizierung der Galileischen Gesetze in Deutsch, Chinesich und Mathematischer Sprache vergleicht, kommt man zu drei verschiedenen Texten. Auffällig ist hier: Die Syntaxanalyse des deutschen und des chinesischen Ausdrucks bringt ganz verschiedene Textstrukturen hervor, die mit dem physikalischen Gesetzt jeweils keine Ähnlichkeit haben. Die Analyse des mathematischen Ausdrucks legt hingegen wiederum das Gesetz frei. Das verdeutlicht das charakteristische Merkmal der Formalsprachen: Der textmäßige Inhalt eines formalsprachlichen Ausdrucks stimmt mit dem intendierten semantischen Inhalt überein. Auf Deutsch oder Chinesisch bauen wir einen Text, der erst richtig ausgelegt werden muss, um zu einem anderen Text, der die Realität abbildet, zu kommen. In einer Formalsprache hingegen wird der Realität abbildende Text selbst gebaut.

Text als Grundlage der Wirklichkeit

Geschrieben am 25.05.08 #

Was kann der Mensch? Jeder Mensch hat jederzeit Erlebnisse, er fühlt, ahnt, erinnert sich, beobachtet, etc. Das ist unbezweifelbar, aber: ist das alles? Wohnt jeder von uns in seiner eigenen Welt eingeschlossen? Zu unserer Erfahrung gehört die Idee der Wirklichkeit, eines Raums der mit anderen geteilten Existenz. Dieses ist zunächst unsere Überzeugung, oder unser Glaube, oder unsere Unterstellung. In meinen Erlebnissen lässt sich zwischen mir und der Welt unterscheiden. Bei näherem Hinsehen stellt sich jedoch die Welt nicht als eine eigenständige Realität, sondern als meine Wahrnehmung derer heraus. Was ist wirklich? Das steht für uns nicht ein für allemal fest, denn wir sind mangelhaft informiert, wir irren und täuschen uns, und mit den (persönlichen wie historischen) Lebensjahren meinen wir, alte Irrtümer und Vorurteile überwunden zu haben und die Realität immer besser zu kennen. Die Anschauung bringt grundsätzlich eine Sichtweise hervor, nie die Wirklichkeit selbst. Außerdem ist die Anschauung immer Subjekt-bezogen. Die einzige Stütze, die unsere Erlebnisse der Wirklichkeit bieten, ist die Erfahrung des Sprechens. Weil einer von uns spricht, und sagt „da ist ein Baum”, und der andere von uns dieses hört und dem zu sagt, deshalb können wir unsere Auffassung von Wirklichkeit aufbauen. Doch was teilen wir miteinander, wenn wir beide den Satz „da ist ein Baum” zustimmen? Nicht das Erlebnis teilen wir, auch nicht bestimmte Aspekte der Wirklichkeitsauffassung, sondern im Grunde eine textuelle Struktur: ist ( (Baum (ein)), da ). Dass es um diese 4 morphosyntaktischen Elemente geht, und dass sie diese hierarchische Anordnung aufweisen, das ist es, was du und ich teilen. Und zwar teilen wir es genau, nicht „analogisch”, nicht „ungefähr”, sondern wir haben beide exact dieselbe Struktur, denselben Text, erfasst. Texte sind alles, was wir miteinander teilen, sie sind das einzige, was wir streng genommen gemeinsam haben. Der Text ist die einzige mögliche Grundlage dessen, was wir die Wirklichkeit nennen.

Was ist Sprache im Text

Geschrieben am 25.05.08 #

Man kann Sprache im allgemeinen Gebrauch als Ausdrucks- und Kommunikationsmittel ansehen, und so unter anderem von der Sprache der Liebe oder der Wale reden. Es gibt aber auch einen fundamentallinguistischen Begriff der Sprache, der nicht auf alles, was man so „Sprache” nennt, anwendbar ist, sondern allein auf Texte. Vielleicht könnte — gar sollte — man hierfür die Bezeichnung Textsprache einführen.

Logisch gesehen kommt zuerst der Text, dann die Textsprache. Ein Text ist jeweils ein Einzelfall, die Textsprache eine generische Bezeichnung. Es gibt Text, ohne dass es Sprache gibt. Aus einer Reihe von Einzeltexten kristallisiert sich eine Textsprache heraus. Der Einzeltext ist das konkrete Lebendige, bei jedem Auftreten ein Neues; die Textsprache ein Produkt der Textentwicklung, das allmählich an Gestalt und Struktur gewinnt.

Falscher XML-Einsatz unter Unix

Geschrieben am 10.05.08 #

Leider wird XML unter Unix häufig — und zunehmend — missbraucht, zu Zwecken, für die im Unix eigentlich kleine Textdateien mit einer einfachen ad hoc Notation vorgesehen sind. Unix ist von der Idee her das Königreich des Textes, und die aktuelle Tendenz, die Vielfalt der Minisprachen durch eine einzige Notation (XML) zu ersetzen, ist nicht nur eine bedauernswerte Verarmung, sondern sogar ein Angriff auf das Wesen von Unix und ein Verlust an Potenz. Die ad hoc Notationsprachen sind unvergleichlich lesbarer und ökonomischer als die tollpatschige XML, die Werkzeuge zur Textumwandlung von Unix sind alle vorhanden und miteinander eingespielt und ermöglichen einen sicheren, schnellen und effizienten Umgang mit den Konfigurationsdateien, wohingegen die XML-Verarbeitungsmöglichkeiten gegenwärtig sehr armselig sind. Solcher XML-Einsatz unter Unix ist kein Fortschritt, sondern ein Verlust ersten Grades, ja er leitet den Untergang des Unix an.

Schnittstellen und Flickenteppiche

Geschrieben am 07.05.08 #

Schnittstellen sind eine kurzfristige Lösung, deren Bedarf aber ist das Symptom eines tieferen Problems. In der heutigen Softwarelandschaft müssen viele Schnittstellen programmiert werden und man vermisst viel Funktionalität, die fehlt, weil die dafür notwendigen Schnittstellen nicht zur Verfügung stehen. Die aktuelle Software wirkt wie ein Flickenteppich, sogar innerhalb eines einzigen Softwaresystems. In der Wissenschaft ist jetzt die Interdisziplinarität en vogue: Bei der Anwendung fällt auf, dass es einen Harmonisierungsbedarf zwischen den Disziplinen gibt. Die Einzelwissenschaften untersuchen jede „ihre” Welt, anstatt dass alle über „die” Welt Kenntnisse erlangen würden.

In der Software, in der Wissenschaft und überall ist der Bedarf an Schnittstellen kein notwendiges Übel, sondern das Symptom für mangelnde Infrastrukturen. Wenn die Software und die Wissenschaft aus einem Guss gebaut wären, würden sie als Ganzes eine Einheit bilden, ohne „Schnittstellen” zwischen den Teilen zu bedürfen. Diese Einheit wird nie hergestellt werden, indem man bereits bestehenden Teilen zusammenflickt, sondern indem man Infrastrukturen baut, auf die alle Komponenten basieren. Die Herausforderung ist hier groß: zunächst die theoretische, um feste, tiefgründige theoretische Grundlagen zu erarbeiten, dann die praktische, um eine funktionsfähige Infrastruktur zu bauen.

Erweiterbare Programmierung (Niklaus Wirth)

Geschrieben am 06.05.08 #

Niklaus Wirth im Gespräch mit Carlo Pescio [www.eptacom.net/pubblicazioni/pub_eng/wirth.html 6.5.08]

Our ultimate goal is extensible programming (EP). By this, we mean the construction of hierarchies of modules, each module adding new functionality to the system. EP implies that the addition of a module is possible without any change in the existing modules. They need not even be recompiled. New modules not only add new procedures, but - more importantly - also new (extended) data types. We have demonstrated the practicality and economy of this approach with the design of the Oberon System.

Hier sieht man wie fest die Gegenwart an Implementationssprachen hackt und wie weit man noch von den von uns anvisierten Spezifikationssprachen steht. Hier spricht kein beliebiger Programmierer, sondern der Erfinder der Programmiersprache PASCAL, zweifellos eine der Programmiersprachen, die sich weniger mit den Implementierungsdetails beschäftigen und sich am meisten auf die Logik der Anwendungen konzentriert. Man kann Wirth keineswegs mangelndes Verständnis für Programmiersprachen vorwerfen, und doch zeigt er hier deutlich, keine Augen für den Text in unserem Sinne zu haben. Sein wildester Traum ist es, über Modulen zu Verfügen, die voneinander unabhängig kompiliert werden. Das nenne ich: Implementationssprache. Von Textorientierung, der einzigen Tür zu Spezifikationssprachen, wo der Programmierer be-schreibt und der Kompiler die Spezifikation in Implementierung ad hoc (und nicht generisch) umwandelt, gibt es hier noch keine Spur.

Die harte Arbeit des Träumens (Doug Engelbart)

Geschrieben am 23.04.08 #

I confess that I am a dreamer. Someone once called me „just a dreamer.” That offended me, the „just” part; being a real dreamer is hard work. It really gets hard when you start believing in your dreams.

Douglas Engelbart: Dreaming of the Future, September 1995.

Ted Nelson und die festen Strukturen

Geschrieben am 21.04.08 #

In der Vorlesung “Intertwingularity. When Ideas Collide” breitet Ted Nelson das Blickfeld aus und überlegt nicht nur über die Computer, sondern über ganz anderen Themen. In dieser Vorlesung widmet er eine besondere Aufmerksamkeit dem Hochschulmodel. Seine Kritik gilt den festen Strukturen, die den Studenten die Freiheit nehmen, und setzt den Schwerpunkt in der Initiative des einzelnen Studenten. Es sollte keine vorgefertigte Bildungsbahnen, die über Jahre hinweg den Stundenplan vollständig bestimmen, geben. Die Universität sollte ein Bildungsmarkt werden, an dem jeder sich für bestimmte Angebote entscheidet, die ihm besonders ansprechen oder vielversprechend erscheinen, über Fachdisziplinen hinweg und ohne einschränkende Voraussetzungen.

Der Zuhörer, der seit langem mit Nelson vertraut ist, wird von dieser Hochschulkritik trotz Neuigkeit des Themas überhaupt nicht überrascht. Nelson hat sich schon immer als Generalisten angesehen und hat sich nicht in Fachgrenzen sperren lassen. Schon als 14-Jähriger soll er sich als „Nexisten” charakterisiert haben, ein einem Science-Fiction-Roman entnommenes Wort, das denjenigen bezeichnet, der Verbindungen (Nexus) zwischen den Dingen ausmacht. Außerdem erkennt man an der neuen Kritik denselben Geist und dieselbe Intuition, die Nelson immer bewegt haben, wieder. Der Kern seiner Hochschulkritik ist derselbe seiner Informatikkritik. Er kritisiert starre Textformen, die in den aktuellen Informatik und Hochschulwesen vorherrschen.

Ich bin mit seiner Kritik völlig einverstanden, und doch nicht. Mir kommt sein Ansatz als unausgeglichen vor, er kümmert sich zurecht um die kreativen Möglichkeiten des Einzelnen, übersieht aber den sozialen Nutzen, ja die Notwendigkeit der Infrastrukturen. So stimme ich seine Kritik der hierarchischen Dateisystemen zu, halte aber nichts davon, auf die Hierarchie zu verzichten, sondern strebe ich Namenssysteme an, die die Hierarchie nicht nötig haben, die aber eine mehrfache hierarchische Kategorisierung ermöglichen. So stimme ich auch seine Kritik des allzu starren Hochschulsystems zu, doch meine Sorge beschränkt sich nicht auf die Entwicklung des Einzelnen, so wichtig sie auch wirklich ist, sondern bezieht auch die Rolle der Hochschulen in der Gesellschaft und der Wissenschaft mitein. Ted Nelson kämpft gegen die festen Strukturen. Ich träume hingegen von noch festeren, aber flexibleren Strukturen. Mir geht es nicht nur um die Gestaltungsmöglichkeiten des Individuums, sondern auch um die einer Gesellschaft.

Ted Nelson zum 70.

Geschrieben am 20.04.08 #

This is going to be something different from what I usually do. I'm tired of talking about computers and computer media, I'm so tired.

Mit diesen Sätzen eröffnet ein überhaupt nicht müde wirkender Ted Nelson die 90-Minutige Vorlesung anlässlich seines 70. Geburtstages. Und in der Tat entwickelt er hier nicht direkt Punkte aus seiner Informatikkritik, obwohl er sich über das „abominable cut & paste” aus dem Xerox Park kurz aufregt, sondern behandelt verschiedene Themen vom Ursprung der finno-ugrischen Sprachfamilie, der griechischen Schrift und des Indoeuropäischen bis in die Geologie der Erde, und trägt Vorschläge wie ein AIDS-Test oder ein neuartiges Hochschulmodel vor — Das gegenwärtige Bildungssystem fasst er mit dem Satz „Students are prisoners” zusammen, unter Leitsätze wie „Studying like Shopping” oder „Instead of a curriculum a cafeterium” plädiert er für ein Studium, das durch die Interessen des jeweiligen Studenten gestaltet wird:

The perfect curriculum is no curriculum. Meaning: An explorable whole in which each person can find the parts he or she likes, learning it in any order.

Ted Nelson: „Intertwingularity. When Ideas Collide”

Vorlesung an der University of Southampton, Mai 2007

Siehe auch:

Ted Nelson: „A very general lecture”

Vorlesung beim Oxford Internet Institute am 17.03.08

Die Idee der Schönheit (Hegel)

Geschrieben am 19.04.08 #

Zuletzt die Idee, die alle [Ideen] vereinigt, die Idee der Schönheit, das Wort in höherem platonsichen Sinne genommen. Ich bin nun überzeugt, daß der höchste Akt der Vernunft, der, in dem sie alle Ideen umfaßt, ein ästhetischer Akt ist und daß Wahrheit und Güte nur in der Schönheit verschwistert sind. Der Philosoph muß ebensoviel ästhetische Kraft besitzen als der Dichter. Die Menschen ohne ästhetischen Sinn sind unser Buchstabenphilosophen. Die Philosophie des Geistes ist eine ästhetische Philosophie. Man kann in nichts geistreich sein, selbst über Geschichte kann man nicht geistreich raisonieren — ohne ästhetischen Sinn. Hier soll offenbar werden, woran es eigentlich den Menschen fehlt, die keine Ideen verstehen — und treuherzig genug gestehen, daß ihnen alles dunkel ist, sobald es über Tabellen und Register hinausgeht.

Aus dem [ältesten Systemprogamm des deutschen Idealismus], 1796 od. 1797, häufig Hegel zugeschrieben. 4. Absatz nach G.W.F. Hegel: Werke in zwanzig Bänden. Theorie Werkausgabe, Bd. 1., S. 235, Suhrkamp Verlag, 1971.

Wissenschaftstehorie: Paradigmabegriff vs. Korpusbegriff

Geschrieben am 12.04.08 #

Der Begriff des Paradigma taugt nur als Beobachtung über geschehene Entwicklungen in der Wissenschaftsgeschichte, überhaupt nichts jedoch für eine Wissenschaftstheorie, die die künftige Wissenschaft zu regeln versucht. Was kann Kuhn dem heutigen Wissenschaftler sagen? Nichts, was ihm dabei helfen würde, besser zu arbeiten. Ganz anderes ist es bei unserem theoretischen Ansatz der korpus-orientierten Wissenschaft. Wir lassen es nicht dabei bewenden, vergangene Entwicklungen nachträglich zu „erklären”, sondern dienen unsere „Erklärungen” nur dazu, ein Model zu stützen, das eine ganz andere Art der wissenschaftlichen Arbeit hervorbringen würde, von der wir uns grundlegende Verbesserungen versprechen, wie die Herstellung der Einheit aller Wissenschaften, die Abschaffung der Parzellierung des Wissens, die Grundlegung der Geisteswissenschaften als strenge Wissenschaften, und die Verbannung aller Ideologie aus der Wissenschaft. Den Kuhnschen Begriff kann man nur durch Meinung beurteilen, man kann nur sagen, ja, stimmt, oder nein, falsch, das ist aber auch alles. Unseren Begriff kann man anwenden und wird nach einer gewissen Zeit der Anwendung durch dessen Auswirkungen zu beurteilen sein.

Text und Wohlordnung

Geschrieben am 10.04.08 #

Wohlordnung könnte man die Wirkung des Textes auf die Realität nennen. Jegliche Tätigkeit lässt sich verbessern, indem man sie textgesteuert durchführt und den unterliegenden Text strukturell verbessert. Dadurch wird das Ergebnis der Tätigkeit wohlgeordnet: gut strukturiert und daher effizienter, kontrollierbarer, kombinierbarer. Das Wundersame hier ist: Das Textdesign, allein durch Verarbeitung des Textes aus textinneren Überlegungen und ohne sich mit der Realität zu befassen, bewirkt eine Verbesserung des Prozesses oder Gegenstandes, an dem der Text angewendet wird. Die Realität wird durch den Text wohlgeordnet.

Wissenschaftstheorie

Geschrieben am 09.04.08 #

Für uns ist generell Theorie keine „Rede über”, sondern die Form der Praxis. So auch wenn wir uns um eine Wissenschaftstheorie bemühen. Wir sind überhaupt nicht daran interessiert, uns ein Bild der Vergangenheit der Wissenschaften zu machen, schon gar nicht, den anderen unser Bild aufzuzwingen. Und wenn wir doch Ideen haben und ausdrücken, so sind diese kein Selbstzweck, sondern stellen nur den Ausgangspunkt zu neuen Tätigkeiten dar und sollen nach gesammelter Erfahrung durch bessere Ideen ersetzt werden. Die Wissenschaftstheorie, die wir anstreben, ist nicht die späte Erklärung dessen, was geschah, sondern der Plan dessen, was geschehen soll. Viele Wissenschaftstheorien kommen uns vor wie das Sofa, in dem man sich nach getaner Arbeit zurücklehnt. Unsere Wissenschaftstheorie soll hingegen den drehbaren Sessel bilden, in dem wir am nächsten Tag die Schreibarbeit verrichten werden.

Paradigmenwechsel nach Kuhn

Geschrieben am 08.04.08 #

Auf dem Begriff des Paradigmen basierend lässt sich keine theoretisch saubere, feste Wissenschaftstheorie aufbauen. Dieser Begriff widersetzt sich jeder Spezifikation und muss immer ungenau, abstrakt, schwankend bleiben. Der Fehlgriff Kuhns war hier, sich auf das zu verlassen, was der Wissenschaftler „denkt”. Zweifellos gibt es eine gewisse Trägkeit in der Mentalität und den Erwartungen, das ist aber nicht das Grundphänomen, sondern eine soziologische Erscheinung in Phasen der Wissenschaftsgeschichte. Die meines Erachtens richtige Auffassung betrachtet die Vorstellungen der Wissenschaftler als etwas, das nicht zu den wissenschaftlichen Erkenntnissen gehört. Aus den Theorien ergeben sich keine Vorstellungen, und die Theorien können grundsätzlich keine Vorstellungen bestätigen. Die Wissenschaft soll sich auf die ausformulierten Theorien konzentrieren, diese gegen die Wirklichkeit prüfen und miteinander stützen. Die wissenschaftliche Diskussion soll jede Ideendiskussion vermeiden und sich auf die Sätze der Theorien beschränken. In einer so gearteten, ideenfreien Wissenschaft wird es zwar immer noch Paradigmenwechsel von einzelnen Wissenschaftlern geben müssen, dieses wird aber ein soziologisches Randphänomen bleiben und den Gang der Wissenschaft selbst nicht bestimmen.

Textdesign

Geschrieben am 05.04.08 #

Die Textarbeit, die darauf zielt, den Text strukturell zu verbessern, könnte man Textdesign nennen. Ausgehend von einem bestehenden, mit der Zeit verwachsenen Text, oder aber von einem in Planung befindlichen, zu bauenden Text, besteht die strukturelle Textarbeit darin, die Unordnung im Text zu verringern und zu wenigen und enger verflochtenen Texteinheiten zu kommen. DIe Periferie des Textes wird kaum geändert, hier geht es um die inneren Schichten. Als Vorbild von einer solchen Textarbeit können wir die minimalistische Programmierung ansehen. Textdesign kann man aber grundsätzlich überall verrichten, wo man es mit ausformulierten großen Texten zu tun hat. Das Prinzip, unter dem man Textdesign macht, ist ein rein logisches, das sich nicht aus dem Bereich ergibt, wo der Text eingesetzt werden soll, sondern allein aus Text-internen Erwägungen. Das Vorgehen besteht darin, Ähnlichkeiten zwischen Texteinheiten zu finden, um zu modularen Verfassungen zu kommen, das heißt zu Texteinheiten mit starker inneren Bindung und flexibler Verbindung miteinander. Das Textdesign geht nahtlos ins Sprachdesign über, wenn es um grundlegende Texteinheiten mit sehr breiten Anwendungsmöglichkeiten gibt. Die Sprache ist strukturell gesehen eine Schicht des Textdesigns.

Mangelnde Aufnahmefähigkeit

Geschrieben am 04.04.08 #

Die gegenwärtige Wissenschaft hat große Schwierigkeiten, neue Ideen aufzunehmen. Neue Ansätze können nicht innerhalb der Wissenschaft wachsen, sondern sie werden vergessen, oder nur anekdotenhaft wahrgenommen, oder aber werden sie mit der Zeit zu eigenständigen Schulen mit Eigendynamik. Was ist beispielsweise aus dem Strukturalismus geworden? Die Entdeckung, dass nur die Struktur wissenschaftlich zu erfassen ist, im Gegensatz zu irgend welchem gedachten „Inhalt”, ist grundsätzlicher Natur und betrifft alle Wissenschaftszweige, nicht nur einige am Rande. Und anstatt dessen, diese gute Intuition in die Wissenschaft zu integrieren, ist daraus ein Ismus in wenigen Disziplinen geworden, der am Ende auch noch zu bloßer Mode verkommen ist. Das Richtige an dem Ansatz ist also für die Wissenschaft verlorengegangen, ohne sie befruchtet zu haben. Das geschieht mit allen innovativen Bewegungen. Sehen wir den Fall der Phänomenologie. Die phänomenologische Methodologie liefert die mit Abstand beste Grundlage für die Wissenschaft, über die wir gegenwärtig verfügen, ihre radikalen und theoretisch sauberen Mitteln würden einen Schritt nach vorne bedeuten, wenn sie generell angewendet wären. Und was haben wir heute, nach 80 Jahren Entwicklung, davon? Heute gibt es unter dem Namen der Phänomenologie eine rege Aktivität, es gibt Kongresse und Publikationen, viele Wissenschaftler finden sich unter deren Namen gut aufgehoben — und doch ist die Phänomenologie nichts als eine Schulrichtung neben anderen, die sich eigentlich nur mit sich selbst beschäftigt, statt die Wissenschaft überhaupt zu befruchten. Die physikalische Theorie bleibt so unphänomenologisch (d. h. so blind, so voreingenommen, was das Wesen der Realität betrifft) wie sie vor einhundert Jahren war.

Diesem trostlosen Bild der gegenwärtigen Wissenschaft, die aus mangelnder Integrationsfähigkeit sich nur vermehrt, ohne zu wachsen, ist durch das Organon ein Ende zu bereiten. Wenn man über ein materielles, formales und einheitliches wissenschaftliches Korpus verfügt, bleibt die Grundlagendiskussion nicht wie heute dem bloßen Kampf der Ideen ausgeliefert und die neuen Ansätze können sich in strukturellen Änderungen des Korpus auswirken. Alles wird genutzt, ohne in den Dramatismus der ideologischen Diskussionen, die schlussendlich nur jegliche Innovation zerreden, zu verfallen.

Objekt Text

Geschrieben am 03.04.08 #

Es ist eine Entdeckung, die eine neue Welt aufmachen wird — keine neue ferne Länder, sondern eine neue Welt in allem, was uns schon seit immer umgibt. Der Text ist ein Objekt. Den gibt es in der Welt unabhängig von uns Menschen. Bisher hat man den Text als ein gesprochenes oder geschriebenes Stück aufgefasst. Hier hat man sich nicht nur auf eine kleine Teilmenge aller Texte beschränkt, sondern vor allem eine grundfalsche Interpretation nahe gelegt, nämlich der Text wäre das, was man versteht, wenn man einen Text hört oder liest. Und man ist sogar zum ganz verkehrten, heute leider sehr verbreiteten Ideal gekommen, der Text müsste „eindeutig” sein.

Diesen primitiven Textbegriff gilt es zu erweitern und zu vertiefen. Den Text als Objekt soll man wahrnehmen, nicht als Interpretation, sondern als Realität, „gegen die” die Interpretation stattfindet. Der Text dieses Blogbeitrages besteht in zwei Abstätzen, jeweils mit bestimmten Sätzen, die wiederum eine gewisse syntaktische und lexikalische Analyse zulassen. Die symbolische Struktur ist der Text. Wenn man es so definiert, und man über einen allgemeinen Textbegriff verfügt, dann kommt man zur Einsicht, das der Text nichts Sprachliches ist, sondern er auch in der Natur existiert (wieso sollte sonst das „Buch der Natur” in „matematischer Sprache” geschrieben sein?), was die Wissenschaft ermöglicht (wie wäre sonst die Wissenschaft „objektiv”?), ferner auch die Grundlage des Rechts und jeglicher menschliche Organisation bildet.

Was Kunst ist

Geschrieben am 02.04.08 #

Das Wesen der Kunst ist die Hingabe an die Schönheit. Der Künstler ordnet alles dem angestrebten Schönheitsideal unter, und zwar nicht berechnend, sondern intuitiv. Als Publikum nimmt man an der Kunst teil, indem man das Schönheitsideal des Künstlers nachvollzieht: Man findet zunächst das Ideal schön, an zweiter Stelle das Kunstobjekt, sofern es sich dem nähert. Genauso wie es viele als Künstler geltenden Menschen gibt, die gar keine Künstler in diesem inneren Sinne sind und nur das Äußere dessen, was man in der Gesellschaft mit dem Wort Kunst versehen hat, nachgehen (sie stellen etwa Gemälde, Musikstücke her), ohne einem tief empfundenen eigenen Schönheitsideal nachzugehen, genauso gibt es viele Menschen, die richtige Künstler sind, aber nicht als solche gelten, weil sie andere Stoffe bearbeiten: Es gibt echte Künstler unter Mathematikern und Politikern, unter Naturwissenschaftlern, Geschäftsleuten und Softwareentwicklern. Künstler ist der, der sich mit der Realität beschäftigt, um sie nach einem Ideal zu gestalten, wenn das Ideal original ist und von ihm stammt, und wenn er alles kompromisslos dem Ideal unterordnet und in seinem Vorhaben erfolg hat.

Die zwei Wahrheitsideale

Geschrieben am 30.03.08 #

Wenn wir uns dem Verständnis des Wahrheitsbegriffs nähern wollen, sollen wir zunächst von der Bestimmung dessen, was die Wahrheit ist, Abstand nehmen, und uns mit der Bestimmung des Wahrheitsideals begnügen. Denn es gibt keine Aussage in der Form „Wahrheit ist ...”, mit der alle Menschen übereinstimmen würden, dazu gibt es die unterschiedlichsten Positionen, einschließlich der Verneinung ihrer Möglichkeit. Es gibt aber durchaus viele Aussagen, von denen alle Menschen sagen würden, dass sie wahr sind, oder mindestens dass sie zutreffender sind als andere. Allein die alltägliche Sprache setzt schon ein Wahrheistverständnis voraus, ohne das man keine Behauptung aufstellen könnte. Es ist also eine feststellbare Tatsache, dass Menschen ein Wahrheitsideal haben.

Ich habe entdeckt, dass die Menschen zwei Wahrheitsideale haben, die nicht aufeinander zurückzuführen sind. Ausgehend von meinen Begriffen von Text und Idee ist es offensichtlich, dass es ein Wahrheitsideal der Texte und ein anderes Wahrheitsideal der Ideen gibt. Auf der einen Seite kann man sich etwas vorstellen und es für wahr halten. Die Wahrheit kommt hier unseren Vorstellungen (von mir Ideen genannt) zu. Eine ganz andere Bewandtnis hat es aber mit dem Text. Man kann beispielsweise das erste Newtonsche Gesetz für wahr halten. Dieses bedeutet aber nicht: Ich verstehe diesen Satz so, dass eine wahre Vorstellung in mir entsteht. Dieses bedeutet hier vielmehr: Diesen Satz hat man seit über zwei Jahrhunderten in tiefster Stelle des pysikalischen wissenschaftlichen Korpus verankert und hat einen durchschlagenden theoretischen und praktischen Erfolg gezeigt. Dieser Satz wurde von unzähligen Menschen mit den unterschiedlichsten Deutungen versehen, und nicht eine dieser Interpretationen soll man als wahr kennzeichnen, sondern den Satz allein. Die Wahrheit des Textes ist völlig unabhängig von unserer Interpretation davon.

Unfähigkeit zur Reflexion

Geschrieben am 19.03.08 #

Das größte Problem der gegenwärtigen Wissenschaft ist keins der Einzelprobleme, wie groß auch immer einige Einzelprobleme wie etwa die Parzellierung des Wissens oder der Verständlichkeitsverlust der Fachsprachen oder der Mangel an Konsistenz im Ganzen sind. Das Grundproblem, das man unbedingt angehen soll, wenn die Wissenschaft überhaupt eine nennenswerte Strukturverbesserung erfahren soll, ist meines Erachtens die Unfähigkeit zur Reflexion. Dass das Ganze der Wissenschaft ein einziges Unternehmen ist, das man auch unter Kontrolle bringen kann, das übersteigt die Vorstellungskraft der heutigen wissenschaftlichen Agenten. Die Reflexion über die Wissenschaft, wenn überhaupt, findet nur in deren Peripherie statt und gehört nicht zum eigentlichen wissenschaftlichen Betrieb. In diesem gibt es nur hie und da methodologische Bemühungen, die finden aber nur jeweils im Zusammenhang mit einem Fachgebiet statt, und werden von Fachkräften des Gebiets durchgeführt. Den Vorsprung wird man haben, wenn die Methodologie von Fachkräften der Methodologie entwickelt wird, die diese an alle existierenden Fachgebiete anwenden. Wenn die Reflexion über die Wissenschaft zu einem Teil des wissenschaftlichen Betriebes wird. Wenn also das im Gange gesetzt wird, das wir das Organon nennen.

Textorientierung und ihre Vorgänger

Geschrieben am 17.03.08 #

Die Textorientierung in der Software bringt viele bereits existierenden sehr erfolgreichen Ansätze wie etwa die Makroausdrücke, die Umschreibung und die Präprozessoren zur Vollkommenheit. Diese werden jeweils nur in begrenzten Bereichen eingesetzt und zu einem bestimmten Zweck. Die Textorientierung hingegen ist ein einziges Prinzip, das überall eingesetzt werden kann. Der grundsätzliche Unterschied zwischen beiden ist, dass die Vorgänger allesamt den Text als bloße Zeichenkette betrachten, was die Einfachheit der Umsetzung aber auch deren Grenzen bestimmt, wohingegen in der Textorientierung der Text nicht als Darstellung, sondern als Inhalt (geparseten Text) begriffen wird. Die Idee der Textorientierung entsteht dann, wenn man zu der Einsicht kommt, dass die Potenz von Makroausdrücken, Umschreibungen und Präprozessoren sich daraus ergibt, dass der Programmierer nicht „die Sache” beschreibt, sondern deren Beschreibung baut. Man setzt einen Text bewusst als Schnittstelle ein, dieser Text wird dann automatisch verarbeitet und ergibt endlich das Programm. Die Textorientierung folgt diesem Weg zu Ende und, indem sie eine völlig allgemeine Textstruktur zur Verfügung stellt, auf die jedes Programm in jeder möglichen Programmiersprache zurückgeführt werden kann, bringt sie die Möglichkeit hervor, die vorherige Teilansätze zu einem allgemeinen Prinzip, ja zu einem neuen Paradigma der Software überhaupt, zu erheben.

Was ein Symbol nicht ist

Geschrieben am 13.03.08 #

Der Fehler, den wir unbedingt vermeiden sollen, wenn wir uns um den Symbolbegriff bemühen, ist, das Symbol als so etwas wie ein „Zeichen, das für einen Gegenstand steht” zu definieren, wie man es häufig tut. Eine solche Definition ist zunächst deshalb falsch, weil sie nur den Gebrauch eines Symbols, nicht dessen Realität bezeichnet. Ferner aber, und viel schlimmer, übersieht diese Definition, dass nicht nur das Symbol existiert, ohne dass es für einen Gegenstand steht, und auch nicht nur, dass dasselbe Symbol für verschiedene Gegenstände stehen kann, sondern vielmehr missversteht sie die Funktionsweise der Symbole grundsätzlich. Ein Symbol ist nicht dazu da, etwas zu bezeichnen, sondern existiert als intersubjektive, persistente Realität, unter der man Gegenstände subsumieren kann. Der Gebrauch von einem symbolischen Ausdruck besteht zum Teil in dem Umgang mit dem existierenden Text (Überlieferung, Umwandlung), und zum Teil in deren Anwendung. Unter der Anwendung fällt das Subsumieren anderer Gegenstände oder Situationen unter dem Text. Bei jedem Fall der Anwendung deutet man das Symbol als Zeichen eines Gegenstandes, aber nicht bei allen Anwendungen desselben Symbols steht es für denselben Gegenstand. Der Gebrauch des Symbols als Zeichen-für ist also nur ein Teilaspekt der Anwendung der Symbole, und die Anwendung im Ganzen macht wiederum nur die Hälfte dessen aus, was man mit Symbolen tut, mit denen man auch materiell hantiert.

Was ist ein Symbol?

Geschrieben am 12.03.08 #

Wie einst Augustinus mit dem Zeitbegriff erging es mir mit dem Begriff des Symbols. Ich dachte, mir wäre es klar und deutlich, bis ich versucht habe, es zu definieren. Meine bisherige Lieblingsformel „Symbol ist die Einheit der Mannigfaltigkeit” (angelehnt an bzw. angeregt von Kant, der sich wiederum an Aristoteles bezieht) geht zwar in der richtigen Richtung, ihr fehlt aber der Knackpunkt, nämlich dass das Symbol der textmäßige Gegenstand ist, mit dem man eine bestimmte Einheit der Mannigfaltigkeit benennt. Deshalb scheint eine Definition von Symbol, die nicht auf dem Textbegriff basiert, nicht machbar zu sein. Auf der anderen Seite definiert man den Text am einfachsten dadurch, dass man von Symbolen ausgeht. Die Einheit der Mannigfaltigkeit allein ist bloßes Verstehen, das erfahren die Hunde und die Elefanten bestimmt auch. Der Hund kann wohl sein Herrchen erkennen, und zwar hie und da, heute und vor zwei Jahren, mit dieser und jener Kleidung. Was dem Hund fehlt, ist die Fähigkeit, mit einem Wort wie „Herrchen” zu hantieren, um es zum Beispiel als Bezeichnung für das Herrchen eines anderen Hundes anzuwenden oder um über alle Herrchen überhaupt etwas zu behaupten. Das Symbolische im Verstehen entsteht, wenn man etwas als Abbildung von einem Zeichen versteht. Die Vernunft ist nicht dem bloßen Verstehen gleichzusetzen. Verstehen ist, etwas zu erfassen. Das Vernünftige besteht in drei Momenten, die zeitgleich operieren: 1. das Erfassen eines Gegenstandes, 2. das Erfassen eines davon unabhängigen Textes, 3. das Erfassen des Gegenstandes als Abbildung des Textes, wobei hier „als” im Sinne vom hermeneutischen Als bei Heidegger (s. Sein und Zeit) zu verstehen ist.

Universaltext-Interpreter bereitgestellt

Geschrieben am 04.03.08 #

Auf meiner experimentellen Webseite u-text.net (nicht mehr online) wurde der Universaltext-Interpreter bereitgestellt. Es handelt sich um das Perl-Paket UText, das Textdateien in der Universaltextsprache einlesen kann und Methoden für die Auswertung des eingelesenen Textes zur Verfügung stellt. Mit diesem Programm kann man anfangen, mit dem Universaltext zu hantieren.

Historisch-Systematische Spezifikation

Geschrieben am 28.02.08 #

Die Historisch-Systematische Spezifikation ist das Formale = das Reale der Historisch-Systematischen Auslegung. Während die Auslegung das Erlebnis derer schildert, die sich mit philosophischen Ideen auseinandersetzen, ist die Spezifikation ein Produkt, das man zu Zwecken der Auslegung aber auch zu anderen Zwecken einsetzen kann. Im gegenwärtigen Stand meiner Entwicklung hat die Historisch-Systematische Spezifikation die folgende Struktur (in der Universaltextsprache ausgedrückt).

Bibliographisches — Die Textausgaben

= HSS {
    = Autor {
        = Textausgabe {
                ^ Titel : string
                ^ Verlag : string
                ^ Bandsammlung {
                        ^ Titel : string
                        ^ Untertitel : string
                        ^ Einband {
                                ^ Titel : string
                                ^ Untertitel : string
                                ^ Herausgabe : string
                                ^ Herausgeber : string
                                ^ Textstück : Textstück {
                                        ^ Titel : string
                                        ^ Herausgabe : string
                                        ^ Herausgeber : string
                                }
                                ^ Teil {
                                        ^ Titel : string
                                        ^ Textstück : Textstück
                                }
                                ^ Auflage {
                                        ^ Beschreibung : string
                                        ^ Jahr : string
                                        ^ Seiten : string
                                        ^ Ausstattung {
                                                ^ Beschreibung : string
                                                ^ Vergriffen : bool
                                                ^ ISBN : string
                                                ^ Preis : string
                                        }
                                }
                                ^ Verweis {
                                        ^ Beschreibung : string
                                        ^ Einband : Einband
                                }
                        }
                        ^ Mehrband {
                                ^ Teilband : Einband
                        }
                }
                ^ Abteilung : Bandsammlung {
                        ^ Unterabteilung : Bandsammlung
                }
        }
        ^ Gesamtausgabe : Textausgabe
        ^ Teilausgabe : Textausgabe
        ^ Einzelausgabe : Textausgabe
    }
}

Einzelne Schriften — Das Textstück

= HSS {
    = Autor {
        = Textstück {
            ^ Titel : string
            ^ Anlass : string
            ^ Datum : string
            = Texteinheit {
                ^ Üb : string       HSA Überschrift
                ^ oÜb : string      Original-Überschrift (die im Textstück erscheint)
                ^ Q                 Quelle
                {
                    ^Quelle : ustring
                    ^vonSeite : cardinal
                    ^vonZeile : cardinal
                    ^bisSeite : cardinal
                    ^bisZeile : cardinal
                }
                ^ P                Absatz
                {
                    ^ I : ustring
                    ^Q : Q
                    ^ pag : cardinal
                    ^ Z : ustring
                    ^ S             Satz
                    {
                        ^ I : ustring
                        ^Q : Q
                        ^ pag : cardinal
                        ^ s         Satzteil
                        {
                            ^ I : ustring
                            ^ TX : string   Sichtbare Buchstabenfolge mit Interpunktionszeichen
                            ^ Verweis
                            {
                                ^Üb : string
                                ^Ref : Texteinheit
                            }
                        }
                    }
                }
                ^ ZF                HSA-Zusammenfassug
                {
                    ^ W : cardinal  Anzahl der Wörter
                    ^ T : Texteinheit
                }
                ^ I : Texteinheit  HSA-Inhaltsangabe
                ^ T : Texteinheit
                ^ pag : cardinal
                ^ Z : ustring
            }
        }
    }
}

Die Erfahrung des Textes

Geschrieben am 23.02.08 #

Indem ich die Realität des Textes behaupte, sage ich nicht meiner Idee des Textes Realität zu, sondern anders herum sage ich einer Realität Textualität zu. Viele Menschen machten bereits die Erfahrung des Textes. In der Juristerei erfährt man die Härte der Gesetze, die viel Arbeit, die nötig ist, um die Regeln zu verfassen, in der Gesellschaft zu vereinbaren und in der Anwendung durchzusetzen. Die Regeln, um die es da geht, sind keine materielle Realität, sondern ein Text. In der Naturwissenschaft erfährt man die Härte der Theorien, die Mühe, die nötig ist, um sie zu verfassen, zu prüfen und in der Wissenschaft durchzusetzen. Die Erkenntnisse, um die es da geht, sind keine materielle Realität, sondern ein Text. In der Mathematik und der Logik erfährt man die Härte der Vernunft, den großen Einsatz, der nötig ist, um neue Theorien aufzustellen. Die Gegenstände (wie Zahl, Menge oder Funktion) um die es da geht, sind auch keine materielle Realität, sondern Text. Die Erfahrung des Juristen, des Naturwissenschaftlers und des Mathematikers ist unter einem Aspekt gleich. Sie erfahren die aufreibende Tätigkeit der Textentwicklung, die Komplexität des Textes, und auch seine Universalität. Sie erfahren, dass es etwas gibt, das sie wahrnehmen, das unabhängig von ihrem Willen ist, was man an seinem Widerstand erkennt, das stabil ist, weil es sich nicht mit der Zeit ändert, und das von allen anderen Menschen auch wahrgenommen wird. Diese Erfahrungen sind, so behaupte ich, ein und dieselbe, nämlich die Erfahrung des Textes; da jedes Gesetz, jede naturwissenschaftliche und jede mathematische Theorie sich auf Text in einer bestimmten Form (s. Allgemeine Definition des Textes) zurückführen lässt.

Organon und Textorientierung

Geschrieben am 22.02.08 #

Ich möchte zweierlei in Umgang setzen. Das eine ist das Organon, das andere die Textorientierung. Beide passen zwar zueinander gut, sind aber eigentlich zwei grundverschiedene Sachen. Das Organon ist das wissenschaftliche Organ, die Textorientierung dessen Methode. Das Organon ist der gesellschaftliche Agent, die Textorientierung das Paradigma. Das Organon ist vor jeder Textorientierung nötig, als zeitgemäße Fassung der Enzyklopädien, die es schon in der Antike, durch das ganze Mittelalter hindurch und bis hin zum 19. Jahrhundert gab und das ganze Wissen zusammenfügen wollten. Das Organon ist auch als einheitliche Methodik nötig, als universellen Maßstab, der alle Wissenschaften in globalem Kontext einordnet und die Erkenntnisse in Beziehung zueinander setzt. Den Bedarf des Organons kann man einsehen, ohne irgend etwas vom Textbegriff zu verstehen. Historisch gesehen hätte das Organon in der Antike gegründet werden können und auch heute noch existieren. Die Textorientierung wäre dann nur die zeitgenössische Ausprägung. Die Textorientierung ist ein Kind der Gegenwart bzw. der jetzt anbrechenden Zukunft. Das Organon hingegen ist ein Kind der Menschheit und sein Bedarf wird es bestehen, so lange es Menschen gibt.

Grenzen der Sprache vs. des Textes

Geschrieben am 21.02.08 #

Der Gödelsche Unvollständigkeitssatz ist nicht das letzte Wort bezüglich der Grenzen des logischen Ausdrucks. Die Ausdrücke, die man in einer bestimmten Sprache baut, sind jeweils einzelne Texte. Die Sprache besteht in den Symbolen, die man in vielen Texten anwendet, sie ist also das Allgemeine, während die realen einzelnen Texte jeweils das Besondere sind. Es gibt aber sowohl Texte, die nicht in einer einzigen, sondern in mehreren Sprachen, wie auch welche, die in keiner Sprache artikuliert sind. Letzteres geschieht bei Texten, deren Symbole zum Teil einmalig sind. Der Begriff der Sprache ist zwar nützlich, um bestimmte allgemeine Eigenschaften von Texten zu untersuchen, wenn es aber darum geht, die Eigenschaften des Textes überhaupt zu ermitteln, kann man sich nicht auf eine Sprache beschränken, auch nicht auf Sprache im Allgemeinen, sondern muss man sich am Text an sich orientieren. Was Gödel ausgemacht hat, sind die Grenzen des Ausdrucks von Sprachen, die gewissen Merkmale aufweisen. Wo aber die Grenzen des Textes überhaupt liegen, das bleibt nach wie vor von der Wissenschaft unbekannt.

Wahrheit > Sprache

Geschrieben am 19.02.08 #

Gestern lief auf BR-alpha eine Sendung über Kurt Gödel und den Wiener Kreis. Nachdem der Unvollständigkeitssatz vorgestellt wurde, stellte man als Fazit die Formel auf: Wahrheit > Sprache (die Welt, die auch in der Formel stand, lasse ich erstmal außen vor). Diese Formel hat mich fasziniert. Den Gödelschen Satz habe ich bisher immer ausgelegt als: Was wir wissen, ist viel weniger als das, was wir zu wissen meinen. Nicht als: Was wir wissen, ist mehr als das, was wir beweisen können. Naja, hängt natürlich davon ab, was man für Wissen ausgibt.

Richtig interessant wäre (bzw. wird sein), den Gödelschen Satz, der über Sprache handelt, auf den Text zu übertragen. Denn nicht die Sprache ist das Grundphänomen, sondern der Text, und eins ist schon einmal klar: Text > Sprache. Was der Wahrheit angeht, wie ich zu sagen pflege, deren gibt es zwei, die Wahrheit der Texte und die der Ideen, die sich gegenseitig bereichen können aber nicht auf einander zurückzuführen sind.

Der Text, mehr als bloßes Paradigma

Geschrieben am 05.01.08 #

Der Text als Paradigma der Softwareentwicklung ist nicht neben den anderen existierenden Paradigmen zu setzen, sondern darunter, weil von grundlegender Natur. Die anderen Ansätze stellen Werkzeuge und einen begrifflichen Rahmen für den Softwarebau zur Verfügung, als Text lässt sich hingegen jede existierende Software auf natürlicher, unvoreingenommener Weise analysieren. So reduzieren die funktionalen Programmiersprachen Software auf Funktionen, Argumente, etc., und die Objektorientierung auf Objekte, Methoden, Felder etc. Die Textorientierung reduziert Software auf Text. Das ist theoretisch besser, nicht nur, weil alles auf einem einzigen Begriff basiert, sondern auch, weil die textuelle Analyse der Software keine Fremdbegriffe aufzwingt, sondern nur das ausmacht, was schon da war, nämlich die logische Struktur in Erscheinung und Verhalten, im Quellcode und auch in Binärformat. Die anderen Paradigmen selbst lassen sich als Text interpretieren, anders herum nicht.

Ferner lässt sich die Textorientierung unmittelbar auf alle Bereiche erweitern, wo man mit Texten arbeitet, also in fast allen menschlichen Unternehmungen überhaupt. Denn eine völlig ausgebildete Textorientierung bleibt nicht bei der automatischen Speicherung und Verarbeitung von Text (also der Informatik), sondern fundiert auch die nicht automatische, das heißt die von einzelnen Menschen oder auch von Institutionen hervorgebrachten Texte, also jedwede Informationen, die Rechtsysteme und die Wissenschaft.

Startseite | Kontakt


Blog

Einträge

Letzte Änderung am 09.01.17

Copyright © 2001-2017 Francesc Hervada-Sala. Alle Rechte vorbehalten.

oben | Startseite | Kontakt