Blogarchiv 2006

Blogeinträge, die Francesc Hervada-Sala 2006 erstellte.

Ich will nur lesen

Geschrieben am 22.12.06 #

Ich will nur mit diesem und jenem Autor Zeit verbringen, ihn sich allmählich zeigen zu lassen, die Wärme der ideenmäßigen Nähe beim Lesen in mir fühlen, mit ihm träumen, mich mit ihm verfahren, begeistern, beschweren, mit ihm dieses sehen und keine Augen für jenes haben, seine Begriffe deutlich erfassen und mich auf seine tiefsten Intuitionen einlassen. Und ich wünsche mir, dass meine Mitmenschen sich auch mit den großen Helden der Vernunft beschäftigen, und dass sie auch deren Ideen hegen und pflegen und nicht weiterhin an die Scholle der persönlichen Denkentwürfe gebunden bleiben. Deswegen verabscheue ich alles, was man heute unter dem Namen der Philosophie tut. Mich ekelt das ganze Geschwätz um die in Anführungsstrichen Philosophie, das unerträglich laute Gerede über, das keinen Raum lässt für das Denken mit.

So sehne ich mich nach einer richtigen Philosophiewissenschaft, denn nur mit einer solchen ließe sich aus der philosophischen Fakultät, die heute eine bloße Ansammlung von brüllenden Zwergen, die sich einbilden, Riesen zu sein, ist, einen gesellschaftlichen Raum, in dem nicht der Lärm des Marktplatzes, sondern die Ruhe der Bibliothek waltet, machen. Nur durch eine strenge Wissenschaft kann aus dem philosophischen Fachbereich eine wirklich nützliche Institution werden, die für die Gesellschaft überhaupt das wertvolle Erbe der philosophischen Ideen erschließen d. h. urbar machen soll.

Der Krieg ist aller Dinge Vater (Kant)

Geschrieben am 21.12.06 #

Aus der Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht von Immanuel Kant (1784), Abschnitt „Vierter Satz”, 7.-9. Satz:

Dank sei also der Natur für die Unvertragsamkeit, für die mißgünstig wetteifernde Eitelkeit, für die nicht zu befriedigende Begierde zum Haben, oder auch zum Herrschen! Ohne sie würden alle vortreffliche Naturanalagen in der Menschheit ewig unentwickelt schlummern. Der Mensch will Eintracht; aber die Natur weiß besser, was für seine Gattung gut ist: sie will Zwietracht.

Mensch und Wirklichkeit

Geschrieben am 17.12.06 #

Die Einteilung der Wirklichkeit in Materie, Idee und Text (s. vorheriges Post) ergibt sich nicht aus der Beschaffenheit der Welt, sondern aus der Beschaffenheit des Menschen. Materie ist für uns die äußere Realität, Idee die innere Realität, der Text das, was beide Aspekte zusammenführt. Materie nennen wir das, was uns die Sinnesorgane erschließen, Ideen nennen wir das, was uns der Geist erschließt. So weit unterscheiden wir uns von etwa den Säugetieren nicht. Wir haben aber auch einen Verstand, der in der Lage ist, den Text zu erschließen. Das kann sonst kein anderes uns bekanntes Lebewesen tun. Den Text erschließt man zunächst innerlich, doch dadurch, dass jeder ihn genauso erschließt, fungiert der Text als Brücke zwischen uns. Den Text teilen wir alle, und zwar objektiv, und er hält somit die Welt aus unserer Sicht zusammen.

Wirklichkeit: Materie, Text, Idee

Geschrieben am 16.12.06 #

Vieles gab es, gibt es und wird es in der Welt geben, und dies alles nennt man die Wirklichkeit. Wenn man Gemeinsamkeiten in den vielfältigen realen Sachen entdeckt, und wiederum Gemeinsamkeiten zwischen den Gemeinsamkeiten, und so fort, kommt man zu einer oder vielleicht mehreren Grundarten der Wirklichkeit, die sich nicht aufeinander zurückzuführen lassen.

Viele Leute sind diesen Weg gegangen, ob gründlich oder oberflächlich, ob in Jahrzehntelange Begriffsarbeit oder in rascher unbewusster Annahme, und zwar zu allen Zeiten, im antiken Griechenland wie im vedischen Indien, im europäischen Mittelalter und in der Gegenwart, und sind zu eigenen Überzeugungen gekommen. So auch ich, und im Folgenden möchte ich den aktuellen Stand meiner Untersuchungen knapp erklären.

Die Realität besteht aus Materie, Text und Idee.

Realität ist das, was wir Menschen miteinander teilen, die Welt, in der wir leben. Die Realität ist Alles nach menschlichem Ermessen. Der herkömmliche Begriff der Materie wird hier ohne weitere Vertiefung übernommen. Die hiesigen Begriffe von Text und Idee sind hingegen neu und entstehen als Präzisierung des herkömmlichen Verständnisses.

Materie ist das sinnlich Wahrgenommene. Was wir alle sehen, hören, tasten, etc. gehört zur Realität. Was nur einige Wahrnehmen, während es anderen gegenwärtigen Menschen verborgen bleibt, das ist keine Materie.

Idee ist das Erlebte. Wenn jemand sich etwas vorstellt, etwas empfindet, wahrnimmt, wünscht oder befürchtet, ist sein Erlebnis eine Idee. Jeder Mensch erlebt nur die eigenen Ideen; was er die Ideen der anderen nennt, sind seine eigenen Ideen über deren Ideen. Eine Idee ist dann real, wenn sie tatsächlich stattgefunden hat, d. h. wenn jemand zu einem bestimmten Zeitpunkt sie erlebt hat. Da wir alle jederzeit Ideen haben, gibt es die Ideen wirklich.

Text ist ein symbolisches Gebilde, das wir in den Sachen erkennen. Ein Symbol ist die Einheit einer Mannigfaltigkeit. Verschiedene Gegenstände unterbringt man unter einem einzigen Symbol. Die verschieden Gegenstände können Materie sein, die Tatsache jedoch, dass sie alle in gewisser Hinsicht eine Einheit bilden, ist keine materielle Wirklichkeit, denn die Einheit an sich nimmt man nicht sensorisch wahr. Die verschieden Gegenstände können Ideen sein, die Tatsache jedoch, dass sie alle in gewisser Hinsicht eine Einheit bilden, ist auch keine ideenmäßige Wirklichkeit. Denn Ideen hat jeder die eigenen, die Symbole aber teilen wir alle – jeder Deutschsprachige kann das Symbol „Hund” ausmachen, wenn es vorkommt: er weiß, dass dieser und jener Hund mit diesem Symbol in Verbindung zu setzen sind. Die Ideen über Hunde können in verschieden Menschen zu verschiedenen Zeiten sehr unterschiedlich sein, dass sie aber die Hunde als solche erkennen können, das bleibt konstant mit unfehlbarer Genauigkeit. Der Text ist deswegen real, weil er tatsächlich in der Welt vorkommt: der ägyptische Beamte hat einen Text verfasst, über den man heute noch verfügt und aus dem heutige Menschen trotz ganz anderen Denkstrukturen noch verlässliche Informationen holen können.

Kopfloses Jahrhundert

Geschrieben am 10.12.06 #

In welcher Hinsicht ist unser Jahrhundert kopflos? Nicht, dass die Menschen auf einmal allesamt doof geworden wären. Nicht, dass sie persönlich aufgehört hätten, zu denken. Aber sie haben aufgehört zu verstehen. Was heißt verstehen? Verstehen ist, Einheit in der Mannigfaltigkeit zu entdecken. Und was unser Jahrhundert im Denken auszeichnet, ist, dass man stets bei der Mannigfaltigkeit bleibt, ohne auf die Einheit je aufzusteigen. Der Preis, den man zahlen muss, um die Kenntnisse zu erweitern, ist, sie von den anderen Kenntnissen unwiederbringlich aufzulösen. Wie schlecht es bei uns mit dem Verstehen bestellt ist, sieht man an der philosophischen Fakultät, die ja der Inbegriff des Denkens einer Gesellschaft darstellt. Hat die gegenwärtige philosophische Fakultät eine Aufgabe? Keineswegs. Unter den Lehrenden und Lernenden in diesem Fachbereich gibt es weder eine gemeinsame Sprache noch eine einheitliche Methodologie, nicht einmal eine ansatzweise einheitliche Vorstellung dessen, was Zweck und Ziel sein könnten. Jeder Professor ist entweder ein Spezialist, der in irgend ein Loch hineingefallen ist und aus dem er nie herauskommt, oder ein Dilettant, der sich hie und da etwas herauspickt. Deren Arbeit interessiert bestenfalls allein die, die sie selbst betreiben, und bringt der Gesellschaft nie einen Gewinn, weil sie keine Ergebnisse erzielt. Was die gegenwärtige philosophische Fakultät auszeichnet ist, allein, der Mangel an Einheit. Deshalb nennen wir sie kopflos. Weil wie interessant auch immer der Ansatz eines Einzelnen auch sein möchte, dieser überhaupt keinen Fortschritt der Gemeinschaft bewirkt. Denn man schreitet nicht fort, allein indem man läuft, sondern indem man gerade aus geht. Heute dreht man sich in der philosophischen Fakultät immer nur im Kreise. Und wenn in einer Gesellschaft die, die den Auftrag haben, zu denken, sich so zerfahren verhalten, ist der Kopflosigkeit des Ganzen zwangsläufig keinen Einhalt mehr zu gebieten.

Ganzheitliche Mikrologie

Geschrieben am 06.12.06 #

Dass die Verwirrung in unserer Zeit keine Grenze mehr kennt, sieht man daran, mit welcher Kurzsichtigkeit wir das Modewort ganzheitlich einsetzen. Wir merken irgendwie unsere eigene Kleinmütigkeit und würden sie gern überholen, da fällt uns aber nichts besseres ein als unsere beschränkte Ansätze mit diesem Wort zu verzieren. Für einen gebildeten Europäer des siebzehnten oder achtzehnten Jahrhunderts müsste es sich wie ein schlechter Witz anhören, dass wir unsere ganzheitliche Zahnheilkunde oder Pferdemedizin oder unsere ganzheitliche Betriebwirtschaftslehre stolz lobpreisen. Dass dieses Wort eigentlich das Ganze meint, also alles, das kommt uns heute gar nicht in den Sinn. Denn dass alles als eins angesehen werden könnte, das übersteigt von weitem unsere wildeste Vorstellungskraft. So weit haben wir es verlernt, die Einheit in den Dingen herauszufinden, das heißt, zu verstehen.

Text und Realität

Geschrieben am 06.12.06 #

Die heute lebenden Menschen können überhaupt nichts mit meinem Textbegriff anfangen, und zwar nicht wegen der technischen Einzelheiten, sondern grunsätzlich, weil sie nicht die leiseste Ahnung von der Realität des Textes haben. Man hält  Text und Idee nicht auseinander. Man steht vor einem Schriftstück und sieht überhaupt keinen Text, sondern die eigenen Ideen über das, worüber die Rede ist. Man nimmt in einem Gespräch teil und kann keinen Abstand von den Gefühlen gewinnen, die es erweckt. Man ist überhaupt nicht in der Lage, sich vor dem Text zu stellen und ihn von außen her zu betrachten, man kann ihn nur unmittelbar erleben. Und dies gilt von der Alltags- bis hin zur wissenschaftlichen Sprache. Für die Juristen und die Politiker sind die Gesetze genauso unauffällig, wie für die Mathematiker die rationalen Strukturen und für die Naturwissenschaftler die Theorien. Niemand kann sich träumen lassen, dass dahinter nichts anderes als der Text steht: der einzelne, natürlichsprachliche Text im Falle der Gesetzgebung, der einzelne, formalsprachliche Text in der Naturwissenschaft, die allgemeine Textstruktur im Falle der Mathematik. Wir hantieren täglich mit Texten mit der größten Selbstverständlichkeit, wir hinterlassen eine Nachricht, diskutieren eine Entscheidung, entwickeln Software, legen ein Examen ab, prüfen eine Theorie, und glauben, jedes Mal etwas völlig anderes zu machen, weil es für uns eine ganz andere Bedeutung hat. Die Realität dessen, was wir dabei eigentlich tun, ist jedoch nichts anderes als der Text, den wir da verfassen, umformen, prüfen oder beurteilen.

Trennen, trennen: Tränen

Geschrieben am 12.11.06 #

Ständig neue Berufsbezeichnungen einführen, neue Fachbereiche in Universitäten gründen, neue Wirtschaftszweige etablieren, immer trennen, trennen, trennen, der kleinste Bereich in noch kleinere Bereiche aufteilen, das können wir gut. Nur: wenn es darum geht, die Einheit wiederherzustellen, das Ganze zu überblicken, die Konsistenz zu gewährleisten, da sind wir völlige Nieten. Im 19. und noch mehr im 20. Jahrhundert haben wir gewaltige Schritten in analytischer Richtung getan. Die größte Herausforderung des 21. Jahrhunderts besteht darin, auch gewaltige Schritten in synthetischer Richtung zu vollziehen.

Das brauchen wir dringend für die Politik, denn unserem globalen Dorf geht es wie den mittelalterlichen Städten: Sie sind menschenfeindliches Gebiet mit zu viel Lärm und zu viel Gestank. Wir brauchen Kloaken und Straßen, wir brauchen eine allgemeine, gut geplante, robuste Infrastruktur, die das Zusammenleben in größerem Maßstab ermöglicht. Auch brauchen wir das dringend für die Wissenschaft, die sich völlig verzettelt hat und nicht mehr in der Lage ist, mit sich selbst klar zu kommen. Das brauchen wir Europäer außerdem noch dringend für unsere Kultur, um die Errungenschaften der Aufklärung, den Willen zur Bildung und zum geistigen Reichtum, noch zu retten und weiter zu vertiefen.

Eine Software für die wissenschaftliche Arbeit

Geschrieben am 08.11.06 #

Ein sehr interessantes Programm für die Literatur-Recherche und -Verwaltung, mit Bibliotheken und Büchereien verknüpft: www.visualcomposer.net

The next big thing in Sachen Programmiersprachen

Geschrieben am 08.11.06 #

Alle bisherigen Modellierungs- wie Programmiersprachen leiden unter demselben mangelhaften Verständnis dessen, was überhaupt eine Sprache ist, und erhalten dadurch seine endgültigen Grenzen. Ein gewaltiger Schritt nach Vorne wird man dann machen, wenn man eine Programmiersprache entwickelt, in der nicht der Inhalt (die maschinelle Übersetzung, die Implementierung), sondern der Text (die Beschreibung, die Spezifikation) im Vordergrund steht. Die heutige, verkehrte Auffassung ist: Wenn man spricht, besagt man etwas. Die richtige Auffassung hingegen ist: Wenn man spricht, bringt man einen Text hervor.

Glanz und Elend des World Wide Web

Geschrieben am 29.10.06 #

Das Web hat der Softwareentwicklung viel Neues eingebracht. Nicht absichtlich, sondern eher wie die Jungfrau zum Kind, wie man im Web-Report des Tim Berners-Lee, des Erfinders, feststellen kann (Econ Verlag, 1999). Man hat nämlich nach einer einfachen technischen Umsetzung von einem System zur Veröffentlichung von verlinkten Inhalten gesucht, und ist dadurch unvermerkt auf grundlegende Neuigkeiten in der Softwareentwicklung gestoßen. Man kan nur erstaunen, wie einfach es ist, für das Web eine Benutzerschnittstelle zu schreiben. In einer HTML-Seite braucht man nur zu sagen: Jetzt kommt ein Formular, das aus diesen Textblöcken und diesen Schaltflächen besteht, und schon ist das Formular da, und zwar für jedes Betriebsystem (keine Koordinaten-Angaben, keine DLL-Aufrufe, kein Code für die Darstellung nach Verschiebung oder Größenänderung des Fensters oder zur Behandlung der ausgelösten Ereignisse: dies ist alles nicht nötig!). Außerdem lässt sich der HTML-Code durch einen Preprozessor (etwa: PHP) erstellen, womit das Layout des Formulars programmatisch zur Laufzeit bestimmt werden kann. Und das alles mit einer Selbstverständlichkeit und Unmittelbarkeit, von der die herkömmlichen Programmierer (nicht nur etwa für C++, sondern auch in angeblich RAD-Werkzeugen wie VisualBasic, die außerdem jeweils an einem einzigen Betriebssystem gefesselt sind) nur träumen können. Am Stück verfügt man mit dem Web nicht nur über eine Sprache zur Seiten-Beschreibung, sondern über mächtigen Mitteln für dynamische Layouts (unvergleichbar mit den herkömmlichen statischen Koordinaten-basierten Systemen), und von einer Trennung zwischen Darstellung und Inhalt, die ganz neue Möglichkeiten eröffnet. Dass das Web die herkömmliche Entwicklung zu befruchten Anfängt, kann man zum Beispiel an Microsofts .NET Plattform erkennen. Ein Fluß- und ein Tabellen-Layout Panel stehen schon seit einiger Zeit zur Verfügung, in der nächsten Version .NET 3.0 gibt es die Windows Presentation Foundation, die offensichtlich viele Lehren aus dem Web zieht. Damit ist aber die Arbeit nicht getan, und vom Web kann man noch mehr lernen. Was im Web alles anders gemacht wird wie bisher, das ist nicht unbedingt sofort ersichtlich, sonder erschließt sich erst nach Beobachtung, Vergleich und reiflicher Überlegung.

Auf der anderen Seite ist es für jeden, der sich für die saubere, lesbare, wartbare Programmierung interessiert, das Web eine unaustehliche Qual und ein großer Schritt zurück in die Vergangenheit. Die Web-Leute scheinen alle Entwicklungen in den Programmiersprachen seit den 60. Jahren völlig verschlafen zu haben. Noch nie gehört, dass der Code für den Menschen da ist, und nicht für den Rechner, und dass es Menschen sind, die ihn lesen und weiterentwicklen sollen? Die XML-Formatierung ist etwas unglaublich rückläufiges und kann nur von jemandem als „für den Menschen lesbar” eingestuft werden, für den „lesen” bloß „entziffern” bedeutet. Jedem, der die Eleganz der Programmiersprache PASCAL einmal bewundert hat, graust es, eine hunderte von Zeichen lange URL mit eingeschobenen kriptischen Parametern in der Browserzeile zu sehen. Für jeden, der seit Jahren den Code schön eingepackt in gut strukturierten Klassenhierarchien entwickelt, ist es eine demütigende Ohrfeige, mit ungenießbarem HTML-PHP-Spagethi-Code konfrontiert zu werden. Die tot geglaubten Cowboy-Programmierer scheinen wieder in der Tagesordnung zu sein. Zusammenfassend: Die im Prozess der Zivilisation der Softwareentwicklung überholt geglaubte Barbarei nimmt wieder zu.

Sprache und Text

Geschrieben am 17.09.06 #

Sprache und Text sind zwei grundverschiedene Phänomene: Es gibt Sprache mit und ohne Text, es gibt Text mit und ohne Sprache.

Mit Sprache meine ich generell und unspezifisch alles, was man so zu nennen pflegt, wie etwa das gegenwärtige Deutsche und Arabische, die Sprache Goethes, die Jugend-, Blumen- und Tiersprache.

Mit Text bezeichne ich hier spezifisch den in diesem Blog skizzierten Textbegriff: den Text als das objektive, symbolische Gebilde (s. Definition).

1. Sprache ist mehr als Text

Es ist wohl unnötig zu sagen, dass die Verbalsprache mehr ist als nur Text. Sprache drückt viel mehr aus als den bloßen Wortlaut, beim Sprechen mit Klang der Stimme, Tonfall, Tempo und Gebärde, in der verschriftlichen Sprache mit der materiellen Beschaffenheit der Unterlage und der graphischen Darstellung. Dies alles kann zwar analysiert und somit auch zu Text werden, doch ein solcher Text ist eine bloße Abstraktion, die das beschriebene Phänomen grundsätzlich nicht erschöpfen kann.

In diesem Sinn ist der Text nur ein Teilaspekt der Sprache, der Aspekt, der die Verbalsprache im Vergleich zu den anderen Sprachen charakterisiert. Ein Ausdruck in einer Verbalsprache (wie ein Lied zum Beispiel auch) ist also nicht ein Text, hat aber einen Text. Die Hunde, die Pferde und die Delphine haben auch Sprachen, ihre Ausdrücke haben aber keinen Text.

2. Text ist mehr als Sprache

Wenn man den Text eines gegliederten Buches ausmacht, so gehört die Gliederung auch dazu. Die Wörter bilden Sätze, diese Absätze, und diese wiederum Abschnitte, Kapitel, usw. Es gibt eine einzige hierarchische Struktur, die von den kleinsten morphologischen Wortbestandteile über die Abschnitte bis zum ganzen Text als Einheit reicht. Dieser Text ist nur bis zur Satz-Ebene sprachlich. Darüber hinaus hat die Textstruktur nichts mehr etwa mit der deutschen Sprache zu tun. Dass man Texte als Hierarchie von Überschriften verfasst, ist eine geschichtliche Erscheinung, die Quer über viele Nationalsprachen geht.

Spengler über das Dasein der Pflanzen

Geschrieben am 16.09.06 #

Es hat für mich immer etwas Erschütterndes, wenn ich im Frühling sehe, wie all diese blühenden Gewächse, die sich nach Zeugung und Befruchtung sehnen, mit der ganzen Leuchtkraft ihrer Blüten einander nicht anziehen und nicht einmal bemerken können, sondern auf Tiere angewiesen sind, für die es allein diese Farben und Düfte gibt.

Oswald Spengler: Der Untergang des Abendlandes. Umrisse einer Morphologie der Weltgeschichte, 17. Aufl., Deutscher Taschenbuch Verlag, München, 2006, S. 690.

Weltbevölkerung

Geschrieben am 13.09.06 #

Weltbevölkerung

So ist die Weltbevölkerung in den letzten Jahrtausenden gewachsen.

1804 erreichte die Menschheit die Ein-Milliarden-Grenze. 1927 — also 123 Jahre später — waren es zwei Milliarden. 1960 erblickte dann schon der dreimilliardste Mensch das Licht der Welt, 1974 der viermilliardste, 1987 der fünfmilliardste. Den 12. Oktober 1999 erklärten die Vereinten Nationen symbolisch zum Geburtstag des sechsmilliardsten Erdenbürgers.

[Quelle: © Bibliographisches Institut & F. A. Brockhaus AG, Mannheim, 2005]

Vergleich Text / aktueller Software

Geschrieben am 30.08.06 #

Die aktuelle Software basiert viel auf dem Text, allerdings versteht sie den Text als eine bloße Zeichenkette. Unser Textbegriff, der den Text in seinem symbolischen Gehalt auffasst, bezieht viele Aspekte, die für die aktuelle Informatik verschiedene Erscheinungen sind, als Text mitein. Es ergibt sich dadurch nicht nur eine Verbesserung der Leistung in diesen Bereichen, sondern eine größere Integration zwischen ihnen.

In der Gegenwart gibt es „Datenbanken”, die mit stark strukturierten Daten arbeiten, „Textverarbeitungsprogramme”, die mit unanalysierten Zeichenketten arbeiten, und „Kalkulationstabellen”, die mit Listen arbeiten. Dies alles lässt sich mit unserem Textbegriff als einen Text abbilden. Eine Software, die unseren Text unterstützen würde, würde nicht nur mit all diesen Strukturen umgehen können, sondern auch mit allen seinen Kombinationen, mit Texten, die teilweise sehr stark und teilweise gar nicht strukturiert sind.

Die herkömmlichen Makros (Zeichenketten, die vor der Kompilierung in andere Zeichenketten umgeschrieben werden), Sprach-Preprozessoren (wie PHP, um HTML-Seiten dynamisch zu erstellen), die eingeschobenen Programmiersprachen (wie z. B. in C++ eingebettete SQL-Anweisungen), und die sprachliche Umschreibung (etwa algebraische Umformungen) werden direkt von unserem Textbegriff unterstützt, ohne eine besondere Syntax oder Dolmetscher zu benötigen. Verschiedene Sprachen können im Text zusammenleben, wenn man den Text in einer allen formalen Sprachen unterliegenden symbolischen Form repräsentiert.

Die herkömmlichen abstrakten Datentypen folgen dem Schema =a{ =b :tb }. Ein Datentyp besteht aus Glieder, die wiederum von einem Datentyp sind. Unser Text fügt da durch die Rollen einen Freihetsgrad hinzu: =a { ~r =b :tb }. Dies ist keine Kleinigkeit, sondern damit öffnet sich eine neue Dimension. Während die bisherige Software den Typ und dessen Instanz grundsätzlich unterschieden hat, gibt es bei uns keine zwei Grundarten Typ und Instanz, sondern nur eine Grundart, die Texteinheit. Typ und Instanz sind nichts Wesentliches, sondern sie kommen den Einheiten als Knoten eines Textes zu. Aber eine Einheit kann in ein und demselben Text mal als Instanz, mal als Typ vorkommen.

Aber diese neue Dimension öffnet sich nicht nur für die reinen Datenstrukturen, sondern auch in der Algoritmik. Heute kann man mit einer Programmiersprache beispielsweise Funktionen definieren, und mit einer anderen auch Prozeduren, oder auch Modulen, oder Klassen, etc. Aber die Semantik der Programmiersprache lässt sich über diese vordefinierten Typen „Funktion”, „Modul”, „Klasse” hinaus nicht erweitern. Ein Compiler implementiert sie in einem geschlossenen System. Eine ganz andere Bewandtnis hat es mit unserem Textbegriff. Mit ihm lässt sich beispielsweise definieren: eine „Funktion” ist dieses und jenes; und ich definiere diese und jene Funktionen. Mit Programmiersprachen, die auf diesen neuen Textbegriff basieren, wird man ganz neuartige Software schreiben können.

Ähnlichkeit zwischen Programmieren und Schreiben

Geschrieben am 27.08.06 #

In der Tat sind sich, wie Weizenbaum bemerkt, Programmieren und Schreiben sehr ähnlich. Doch dabei handelt es sich nicht um eine Analogie, eine Gemeinsamkeit unter Verschiedenem, sondern ist die Schwierigkeit in beiden Fällen ein und dieselbe, nämlich die Schwierigkeit des Formalisierens. Schreiben, um etwas zu erklären, besteht darin, Erlebnisse in grammatikalische Sätze einzuschieben. Programmieren, um eine Aufgabe zu lösen, besteht darin, die Idee der Lösung in syntaktisch korrekten Sätzen auszudrücken. Wenn die Erlebnisse außergewöhnlich sind und es im eigenen Kulturkreis keine vorgefertigte Redemittel dafür gibt, wird der Prozess des Niederschreibens zu einer Zähmung des Wilden. Genauso wenn man versucht, einen Lösungansatz zu programmieren; es ist ein harter Kampf gegen einen unbestechlichen Gegner, bei dem ständig neue Pferdefüße auftreten. Es handelt sich beim Schreiben wie beim Programmieren um ein und dieselbe Problematik, von jedem Buchautor wie Software-Entwickler gut bekannt, auch dieselbe, die Russell logic's hell nannte, und die das Verfassen des Werkes zur Logik Hegel die laut eigener Aussage größte Anstrengung überhaupt bereitete: Es handelt sich um die aufreibende Tätigkeit, einen Text (einen weitläufigen, konsistenten, einem Zweck dienenden Text) auszuarbeiten.

Weizenbaum über die Ähnlichkeit zwischen Programmieren und Schreiben

Geschrieben am 27.08.06 #

Eine Sache genügend gut zu verstehen, um in der Lage zu sein, sie für einen Computer zu programmieren, bedeutet nicht, sie bis in ihre tiefsten Tiefen zu verstehen. In der Praxis kann es dieses letzte Verständnis gar nicht geben. Programmieren ist vielmehr ein Test auf das Verstehen. In dieser Hinsicht gleicht es dem Bücherschreiben. Oft, wenn wir etwas zu verstehen glauben und darüber zu schreiben versuchen, zeigt uns allein schon der Vorgang der Niederschrift, wie wenig wir verstehen. Der Stift schreibt das Wort „weil” und stockt plätzlich. Wir haben gedacht, wir würden das „warum?” einer Sache verstehen, und wir entdecken, daß dies nicht der Fall ist. Wir beginnen einen Satz mit dem Wort „offensichtlich”, um festzustellen, daß das, was wir schreiben wollten, alles andere als offensichtlich ist. Manchmal verbinden wir zwei Sätze durch das Wort „deshalb” und sehen sofort, daß in unserer Argumentationskette ein Glied fehlt. Beim Programmieren geht es nicht anders zu. Letzten Endes handelt es sich auch hier um eine Niederschrift. Aber bei der gewöhnlichen Schreibtätigkeit verbergen wir gelegentlich unseren Mangel an Verständnis, unsere ungenügende Logik, indem wir uns, ohne es zu merken, auf die ungeheure Flexibilität der natürlichen Sprache und die ihr innewohnende Ungenauigkeit stützen. Die bloße Eloquenz, die uns die natürliche Sprache gestattet, erhellt manchmal unsere Worte und damit scheinbar auch unsere Logik, die dies gar nicht verdient. Ein Dolmetscher von Texten in einer Programmiersprache, ein Computer, erweist sich gegenüber dem verführerischen Einfluß reiner Eloquenz als immun. Und Worte wie „offensichtlich” sind in keinem der primitiven Vokabularien der Computer enthalten. Ein Computer ist ein unbarmherziger Kritiker. Aus diesem Grund ist die Behauptung, man verstehe eine Sprache genügend gut, um sie programmieren zu können, in erster Linie eine Behauptung, daß man den Sachverhalt in einem ganz besonderen Sinne versteht. Sie kann keinesefalls mehr sein als eine Prahlerei, die von der Erfahrung leicht widerlegt werden kann.

Joseph Weizenbaum: Die Macht der Computer und die Ohnmacht der Vernunft (1976) (=suhrkamp taschenbuch wissenschaft N. 274), Surhkamp, 1978, S. 150-151.

Spenglers Untergang des Abendlandes

Geschrieben am 26.08.06 #

Dieses Buch sollte man immer mit dem Untertitel nennen. Denn wer es nicht kennt, glaubt sonst, es handelt sich um eine negative Ansicht über den Lauf der Dinge in Europa nach dem Motto „früher war alles besser”. Ja dieser Irrtum hat sich in der Öffentlichkeit eingebürgert. Der Untertitel „Umrisse einer Morphologie der Weltgeschichte” hingegen spiegelt den Inhalt des Buches wider: Objekt ist die Weltgeschichte, Methode die (von Spengler eingeführte) Morphologie.

Mich stimmt dieses Buch optimistisch. Indem er das gegenwärtige Europa —das im Vergleich zum 17. und 18. Jahrhundert kulturell deutlich hinunter gekommen ist— im Rahmen der Hochkulturen, die es in Ägypten, Griechenland, China, Mexiko etc. einmal gab, stellt, und die gemeinsame Form ihrer Entwicklung ausmacht, verliert das Ereignis alle Dramatik. Das Dasein einer Hochkultur ist wie das Dasein eines Menschen; und wir Europäer sind nun mal in der letzten Phase. Es war schön, das erlebt zu haben, wir haben viel mitgemacht und können damit zufrieden und dafür dankbar sein.

Natürlich hat diese Bewertung der allgemeinen Lage nicht zur Folge, dass jeder persönlich alle waschechte europäische Projekte und Werte aufgeben muss. Wer sie tief in sich fühlt, soll danach leben. Nur wird er darin nicht mit der ganzen Gesellschaft mitlaufen, sondern mit einer verschwindenden Minderheit. Und in jedem Einzelnen wird nicht alles, was er tut, echt europäisch sein, sondern immer weniger davon. Das ist überhaupt kein Grund zur Trauer: alles kommt, blüht und vergeht — und das Leben geht weiter.

Natur- und Geisteswissenschaften

Geschrieben am 22.08.06 #

Es ist ein großer Irrtum, die Natur- und die Geisteswissenschaften für zwei grundsätzlich verschiedene Angelegenheiten zu halten. Man glaubt zu erkennen, dass die Natur oder die Materie etwas Grundverschiedenes vom Geist oder der Geschichte ist, und glaubt deshalb zum Schluß kommen zu können, dass die erste eine strenge, systematische Wissenschaft zulässt, während die zweite nur intuitiv und kreativ zu betreiben ist.

Sicher kann man sich mit den Erkenntnissen auf zweierlei Weise beschäftigen: formal-theoretisch und sinnhaft-ideenmäßig. Doch es ist nicht so, dass die Physik tatsächlich nur formal-theoretisch betrieben würde, sondern es ist bereits viel Interpretation darin. Ja sogar in der Mathematik wird viel hineininterpretiert. Die Wissenschaften von aller Ideologie zu befreien ist ein Ideal, aber doch keine Tatsache in irgendeinem geschichtlichen Zeitpunkt (schon gar nicht in der Gegenwart). Auf der anderen Seite ist es selbstverständlich, dass man auch in den Geisteswissenschaften formal-theoretisch vorgeht und sich darum bemüht, in dieser Richtung fortzuschreiten.

Aber nicht alles, was der Mensch macht, muss auch wissenschaftlich sein. Geschichte muss interpretiert werden, das ist kulturell von der allergrößten Bedeutung. Der Fehler, den wir heute machen, ist hier auch zu glauben, dass die Physik keiner Interpretation bedarf. Was wir damit erreichen, ist nichts anderes, als mit einer schlechten Physik-Interpretation auskommen zu müssen.

Sowohl Natur- wie Geisteswissenschaften sind formal-theoretisch (oder sie haben das Stadium der Wissenschaft noch nicht erreicht). Kulturell müssen sowohl die Ergebnisse der Natur- wie die der Geisteswissenschaften (und zwar auch als Ganzes) interpretiert werden. Wo das Formal-Theoretische (in Natur- wie in Geisteswissenschaften) fehlt, ist die Wissenschaft schwach. Wo das Deutende (in Natur- wie in Geisteswissenschaften) fehlt, ist die Kultur arm.

Symbolelektronik, Symboltechnik

Geschrieben am 20.08.06 #

Es deutet auf mangelndes Verständnis hin, dass man neben der Analogelektronik von der Digitalelektronik spricht. Denn das Gegenteil des Analogen ist nicht das Numerische, sondern — allgemeiner — das Symbolische. Die elektronischen Signale werden entweder analog oder symbolisch verarbeitet, im ersten Falle werden sie als physische Signale eingesetzt, im zweiten wirken sie nicht als das, was sie physisch sind, sondern als das, was sie be-deuten: eine symbolische Einheit. Man sollte von Analog- und Symbolelektronik reden. Die symbolische Verarbeitung der Signale durch elektronische Geräte stellt die Möglichkeit der technischen Verarbeitung der Texte (der symbolischen Texturen) und ist gleichzusetzen mit der Möglichkeit der Informatik. Für die Informatik selbst wäre auch angemessener der Name Symboltechnik, denn die elektronischen Geräte, um die es sich handelt, haben es nicht unmittelbar mit Informationen zu tun — nur Menschen können etwas für eine Information halten —, sondern mit Symbolen.

Neue Wissenschaft

Geschrieben am 19.08.06 #

Die Neue Wissenschaft wird sich dadurch auszeichnen, dass sie auf jede Idee grundsätzlich verzichtet, und zwar unspektakulär unmittelbar dadurch, dass sie sich ausschließlich auf den Text konzentriert. Anstelle der theatralischen Diskussion wird sie eine Sachlichkeit zu Tage bringen, von der wir heute nur träumen können. Aus ihrer Sicht ist die gegenwärtige Wissenschaft eine informelle und schlecht integrierte Sammlung von traditionellen Inhalten, die durch Vorurteile und gesellschaftliche Beweggründe bestimmt wird. Die Neue Wissenschaft wird keine Revolution mehr brauchen, um voran zu kommen, denn sie ist nicht durch Denken gesteuert und wird deshalb nie ein Umdenken nötig haben, obwohl sie in der Lage sein wird, viel größere Umformungen zu verkraften. Die jetzige Wissenschaft ist die Sklavin ihrer gesellschaftlichen Dynamik. Die Neue Wissenschaft wird in sich lebendige unkoordinierte gesellschaftlichen Gruppen zulassen, wobei jede Gruppe zum Ganzen beitragen wird, ohne das Ganze einzuschränken.

Spenglers historische Auffassung der Mathematik

Geschrieben am 19.08.06 #

Die historische Ansicht über die Mathematik, die Spengler im Untergang des Abendlandes liefert, ist einleuchtend und aufregend. Er behandelt diese Wissenschaft unter einem kulturellen Gesichtspunkt und vergleicht ihre historischen Gestalten mit der jeweils zeitgenössischen bildenden Kunst, Musik, Religion, Architektur usw.

Zum erwähnten Zitat über das Wesen der Mathematik möchten wir nun drei kritische Anmerkungen tun.

Die Mathematik soll sich nicht definieren lassen. Dagegen stelle ich die folgende Definition: Mathematik ist die Wissenschaft der Textstrukturen. Sie untersucht nicht einzelne Texte, sondern generelle Textformen, und findet ihre Regelmäßigkeiten heraus. Dieses erklärt nicht nur, warum die Mathematik unabhängig von den tatsächlichen Gegebenheiten ist und warum sie unfehlbare Aussagen über die Wirklichkeit aufstellt (weil sie gleichwertige sprachliche Formen ausmacht), sondern auch, warum sie eine kulturelle Gestalt annimmt (kulturell ist die Kodierung der Texte, so wie die Auswahl der zu untersuchenden Regionen). Dass man bisher die Mathematik nicht definieren konnte, liegt nur daran, dass man bisher über den richtigen Begriff des Textes und den richtigen Begriff der Ideen nicht verfügte.

Es soll keine Mathematik, sondern nur Mathematiken geben. Dieser Satz ist so falsch, obwohl man darin eine Wahrheit findet. Es stimmt schon, dass die Ideen der Mathematiker vielfältig gewesen sind. Ihre Auffassung dessen, was sie machten und was das Wesen dessen, was sie untersuchten, war, hat in der Geschichte ganz verschiedene Gestalten angenommen. Diese Tatsache muss jedoch nicht darüber hinweg täuschen, dass die Errungenschaften der Mathematik universell sind und dass es die eine Mathematik durchaus gibt. Nicht, weil die Mathematiker in der Geschichte dasselbe zu tun geglaubt hätten —oder, um es mit Spengler auszudrücken, dasselbe Ideal verfolgt hätten—, sondern, weil die Sätze, die sie allmählich herausgefunden haben, ihre Gültigkeit einmal festgestellt nicht wieder verlieren. Der Satz des Pythagoras gilt heute genauso wie damals, obwohl wir ihn ganz anders deuten als Pythagoras selbst. Die Textformen bleiben, unsere Ideen darüber ändern sich.

Es soll keine Geschichte der einen Mathematik geben können. Wenn man sich die Unterscheidung zwischen Text und Kodierung vergegenwärtigt, leuchtet einem ein, dass es durchaus eine Geschichte der Mathematik als Text (Erkenntnisse) geben kann, obwohl es viele Mathematiken als Kodierung (Ausdrucksform) gegeben hat und geben wird, abgesehen davon, dass es die Geschichte der Interpretationen der Mathematik gibt.

Spengler über die Mehrzahl der Mathematiken

Geschrieben am 18.08.06 #

Wäre Mathematik eine bloße Wissenschaft wie die Astronomie oder Mineralogie, so würde man ihren Gegenstand definieren können. Man kann es nicht und hat es nie gekonnt. Mögen wir Westeuropäer auch den eigenen wissenschaftlichen Zahlbegriff gewaltsam auf das anwenden, was die Mathematiker in Athen und Bagdad beschäftigte, soviel ist sicher, daß Thema, Absicht und Methode der gleichnamigen Wissenschaft dort ganz andere waren. Es gibt keine Mathematik, es gibt nur Mathematiken. Was wir Geschichte „der” Mathematik nennen, vermeintlich die fortschreitende Verwirklichung eines einzigen und unveränderlichen Ideals, ist in der Tat, sobald man das täuschende Bild der historischen Oberfläche beseitigt, eine Mehrzahl in sich geschlossener, unabhängiger Entwicklungen, eine wiederholte Geburt neuer, ein Aneignen, Umbilden und Abstreifen fremder Formenwelten, ein rein organisches, an eine bestimmte Dauer gebundenes Aufblühen, Reifen, Welken und Sterben.

Oswald Spengler: Der Untergang des Abendlandes. Umrisse einer Morphologie der Weltgeschichte; 1. Kapitel: Vom Sinn der Zahlen, 4. Abschnitt, Anfang des 1. Absatzes. Nach: 17. Aufl., Deutscher Taschenbuch Verlag, München, 2006, S. 82.

Warum gibt es WissenschaftEN?

Geschrieben am 16.08.06 #

Warum gibt es viele Einzelwissenschaften, und nicht eine einzige Wissenschaft, wenn die Welt eine einzige ist? Die Wissenschaft versucht, die Welt zu beschreiben, das heißt, sie strebt einen Text an, der die Welt beschreibt, so wie sie nun ist. Text ist aber Sprache. Wie spricht man über einen Sachverhalt? Nicht, indem man ein einziges Wort oder einen einzigen Satz auspricht, sondern dadurch, dass man das mitzuteilende Ganze zerlegt und Stück für Stück auf Symbole zurückführt. Es liegt also in der Natur der Sprache, dass die Wissenschaft nichts anderes tun kann, als die Welt zu analysieren und in Aspekte und Bestandteile zu zerlegen. Je mehr Kenntnisse man hat, mehr Disziplinen muss man unbedingt auch haben. Der Unterschied zwischen der Wissenschaft und dem normalen Sprachgebrauch liegt nur in der Größe. Während der einzelne Mensch in der Lage ist, eine kleine Anzahl Sätze hervorzubringen und aufzufassen, ist der Inhalt der Wissenschaft als sprachlicher Ausdruck ein so großer Text, dass er selbst für die Einzelwissenschaften nicht mehr zu bewältigen ist. Der Einzelne kann mit einem zu großen Text überfordert sein, genauso eine Disziplin als gesellschaftliche Organisation.

Bacon und die Sammlung von Fällen

Geschrieben am 16.08.06 #

Francis Bacon schlägt im Neuen Organon (1620) vor, in der Wissenschaft Listen und Tafeln von beobachteten Fällen zu sammeln, um darauf die Theorien aufzubauen. Der Vorschlag gilt heute immer noch, oder besser, heute mehr denn je. Nicht so sehr, weil das eine Methode wäre, neue Theorien herauszufinden, sondern vielmehr, weil dies die Möglichkeit ergäbe, die Theorien zu prüfen. Der Bezug zwischen der Theorie und den dazu gehörigen Tatsachen sollte nicht wie in der Gegenwart undokumentiert bleiben und von Einzelnen privat gemacht werden, sondern sollte zum Betrieb der Wissenschaft gehören und öffentlich besprochen und diskutiert werden (s. Post Wissenschaftlicher Wahheitsgehalt). Nicht nur, weil die Tatsachenfülle die Fähigkeit des Einzelnen übersteigt, sondern vor allem, weil dieselben Tatsachen von verschiedenen Einzelwissenschaften aus beleuchtet werden sollen: Die Disziplinen sind zwar viele, die Welt jedoch immer nur die eine, und deshalb soll die Wissenschaft eine Weltbeschreibung als einen einzigen, in sich stimmigen und mit der Welt übereinstimmenden Text anstreben.

Spengler über Weltgeschichte als ungeprüften geistigen Besitz

Geschrieben am 16.08.06 #

Sicherlich wird jeder, den man fragt, überzeugt sein, daß er die innere Form der Geschichte klar und deutlich durchschaut. Diese Illusion beruht darauf, daß niemand ernsthaft über sie nachgedacht hat und daß man noch viel weniger an seinem Wissen zweifelt, weil niemand ahnt, an was allem hier gezweifelt werden könne. In der Tat ist die Gestalt der Weltgeschichte ein ungeprüfter geistiger Besitz, der sich, auch unter Historikern von Beruf, von Generation zu Generation vererbt und dem ein kleiner Teil der Skepsis, welche seit Galilei das uns angeborne Naturbild zergliedert und vertieft hat, sehr not täte.

Oswald Spengler: Der Untergang des Abendlandes. Umrisse einer Morphologie der Weltgeschichte; Einleitung, 6. Abschnitt, 2. Absatz. Nach: 17. Aufl., Deutscher Taschenbuch Verlag, München, 2006, S. 33.

Ausgefallene Ideen

Geschrieben am 09.08.06 #

Kommt dir eine fremde Idee abwegig vor? Ist sie etwa abstrakt? Abgedreht? Nun ja, denk daran, mein Freund, dass das, was du gerade für wahnwitzig hälst, nicht die fremde, sondern deine eigene Idee ist. Denn du hast vielleicht bestimmte Worte gehört, die existieren außer dir, aber deren Sinn, den du da beurteilst, das ist allein in Deinem Kopf zu finden!

Grenze der Software

Geschrieben am 09.08.06 #

Was kann die Software erreichen und was nicht? Die Software kann grundsätzlich alles, was logisch ist, umsetzen, und nur das, was logisch ist. Dass Informationen und Prozesse linguistisch vollständig beschrieben werden können (d. h. ohne Rückgriff auf Analogien, Auslassungen, usw.) ist hinreichende und notwendige Bedingung dafür, dass sie programmiert werden können.

Bacon über den Zustand der Wissenschaften

Geschrieben am 08.08.06 #

Man kann auch Anzeichen aus dem Anwachsen und den Fortschritten der Philosophien und Wissenschaften entnehmen. Was nämlich auf die Natur gegründet ist, wächst und mehrt sich: was aber auf Vermutungen beruht, wechselt und nimmt nicht zu. Wenn daher jene Lehrmeinungen nicht gleich Pflanzen wären, die von ihren Wurzeln abgerissen worden sind, sondern mit dem Schoß der Natur verbunden geblieben und so von ihr ernährt würden, hätte sich nicht ereignet, was, wie wir sehen, sich bereits zweitausend Jahre lang zuträgt: daß nämlich die Wissenschaften in ihren eignen Spuren hängengeblieben sind und in fast demselben Zustand verharren, ohne einen nennenswerten Fortschritt gemacht zu haben: ja, daß sie bei ihrem ersten Begründer noch am meisten geblüht haben und dann nidergegangen sind. In den mechanischen Künsten aber, welche sich auf die Natur und das Licht der Erfahrung stützen, beobachten wir das Gegenteil; solange sie Gefallen finden, wachsen und mehren sie sich stetig wie von einem Geiste erfüllt; zunächst sind sie noch roh, dann bequemer, schließlich durchgestaltet und immer sich mehrend und vervielfältigend.

Francis Bacon: Novum Organum I (1620), 74. Aphorismus.

Wissenschaftlicher Wahrheitsgehalt

Geschrieben am 07.08.06 #

Es ist höchst paradox, ja ein Skandal, dass, obwohl die Wissenschaft sich selbst als sehr fortgeschritten empfindet und darstellt, man nicht wirklich weiß, was man eigentlich weiß (s. Post Wissenschaft und Wahrheit). Denn es gibt keine Stelle, wo die Resultate der Wissenschaft amtlich festgehalten werden. Was man eigentlich weiß, weiß man nur informell. Dieses ist keine Kleinigkeit, sondern etwas, das die Grenze der heutigen Wissenschaft darstellt und das verhindert, dass wir zu neuen Ufern kommen. Denn erstens liegt die Entscheidung darüber, welche Kenntnisse nun gesichert und welche bloße Spekulation oder falsch sind, im Urteil des Einzelnen, also wird die Frage nach dem Wahrheitsgehalt zu einer bloß subjektiven Angelegenheit heruntergespielt. Zweitens kommen wir auf dieser Weise in der Epistemologie nicht vom Fleck, und so beharren wir auf völlig unangemessene Begriffe von Wahr- und Falschheit, einfach deswegen, weil wir in der Wissenschaft darüber nicht sprechen.

Was man in der Wissenschaft tun sollte, ist, die Erkenntnisse mit einem Wahrheitsgehalt zu versehen. Die wissenschaftlichen Institutionen sollten nicht nur die Erkenntnisse tatsächlich in amtlichen Publikationen auflisten, sondern diese auch in Kategorien je nach Grad der erreichten Sicherheit einteilen. Denn es ist nicht dasselbe, ob man etwas erst seit zwei Jahren weiß, oder seit zwei Jahrtausenden, und auch nicht dasselbe, ob man auf einer Theorie basierend viel Technik aufgebaut hat, oder ob die Theorie noch keine Früchte gebracht hat. Wichtig ist hier, dass die Einschätzung des Wahrheitsgehalts nicht mehr vom Einzelnen gemacht wird, sondern auch zum wissenschaftlichen Betrieb gehört.

Wissenschaft und Wahrheit

Geschrieben am 03.08.06 #

Obwohl jeder Wissenschaftler einsieht, dass die Wissenschaft sich nur um die Wahrheit bemüht, sie aber nicht schon hat, zeichnet sich die Wissenschaft im Ganzen durch einen leichtfertigen Umgang mit dieser Frage aus. Man bekennt zwar formal, man kenne die Wahrheit nicht, man tut aber alles so, als ob man sie kennen würde. Wir halten an den jeweils aktuellen Kenntnissen fest, so lange es nur irgendwie geht, und müssen dann durch schmerzhafte Umwälzungen gehen, wenn der Schritt nach vorne nicht mehr anzuhalten ist. Dabei wären wir gut beraten, alle Kenntnisse grundsätzlich als falsch zu betrachten. Denn, dass sie falsch sind, können wir schon wissen, wir wissen nur natürlich nicht, woran sie falsch sind und kennen noch keine besseren.

Text und Kodierung

Geschrieben am 02.08.06 #

Die Unterscheidung zwischen Symbol und Kodierung lässt sich verallgemeinern als Unterscheidung zwischen Text und Kodierung. Mit Text bezeichnen wir das symbolische Gebilde, den symbolischen Ausdruck, der einen Zusammenhang zwischen Symbolen darstellt. Ein und derselbe Text lässt sich auf vielerlei Weise wiedergeben, erstens indem man die Benennungen ändert, ferner aber überhaupt indem man eine andere Sprache (eine andere Morphologie, Syntax, Phonetik bzw. Notation, usw.) benutzt. Da ein beliebiger Text, der in einer beliebigen formalen oder menschlichen Sprache vorliegt, unter unserem allgemeinen Textbegriff fällt, lässt sich unsere Textsprache als normalisierte Kodierung und die anderen formalen und menschlichen Sprachen als alternative Kodierungen ansehen. Diesen grundlegenden Textbegriff gilt es nun, informatisch umzusetzen. Es geht darum, sowohl die Umformungen zwischen formalen Sprachen zu automatisieren, wie auch die Umformungen zwischen menschlichen Sprachen zu unterstützen und steuern. Dieses wäre für die Informatik nicht nur ein zu leistender Dienst, sondern sogar eine Grundauffassung, auf der alle Software überhaupt aufgebaut werden könnte, ein grundlegendes Software-Modell, das alle existierenden und noch zu erfindenden Programmierparadigmen und -techniken miteinbezieht. Denn die Textdarstellung, -speicherung und -umformung ist nicht nur ein Hauptgeschäft der Informatik, sondern im Grunde genommen sein einziges Geschäft überhaupt.

Die breite Unterstützung von Symbol und Kodierung wäre schon ein bemerkenswerter Fortschritt. Die volle Unterstützung von Text und Kodierung würde eine umwälzende Erneuerung der ganzen informatischen Landschaft mit sich tragen.

Symbol und Kodierung

Geschrieben am 29.07.06 #

Die Software basiert auf Symbolen. Jedes steht für irgend etwas (für einen Ordner im Dateisystem, für einen Kunden in einer Datenbank, für eine Variable im Quellcode, usw.) und sie werden (nicht nur, aber auch) namentlich identifiziert. So steht eine bestimmte Zeichenkette in einem Dateiverzeichnis eindeutig für eine bestimmte Datei, eine Zahl in einer Tabelle eindeutig für einen bestimmten Kunden, eine Zeichenkette in einem Programm eindeutig für eine bestimmte Variable, usf.

Wir schlagen vor, da zwischen Symbol und Kodierung zu unterscheiden. Während das Symbol die Referenz ist, ist die Kodierung dessen sprachlicher Ausdruck, dessen „Namen”. Man sollte Symbol und Kodierung (die heute sich 1:1 zueinander verhalten) völlig voneinander trennen. Man sollte verschiedene Kodierungen haben und sich frei nach der einen oder der anderen richten können. Zum Beispiel sollten die Symbole eines Programms eine Kodierung mit langen, aussagekräftigen Namen haben (die sehr gut ist, wenn man sich noch nie oder seit langem nicht mehr mit diesem Programm beschäftigt hat, weil sie lesbar und verständlich ist) und eine Kodierung mit Kürzeln (die sehr gut ist, wenn man sich intensiv damit beschäftigt, weil sie kompakte Ausdrücke hervorbringt), zwischen denen man hin und her sollte wechseln können, sowohl beim Lesen wie beim Bearbeiten des Programms.

Die Kodierung sollte außerdem zu jedem Zeitpunkt geändert werden können, ohne das Symbol überhaupt zu beeinflußen. Die heutigen Softwaresysteme sind da absolut unflexibel, sie fesseln ja den Benutzer an die zuerst vergebenen Namen. Die Unfähigkeit, Namen zu ändern, ist keine Kleinigkeit, sondern eine ernsthafte Beschränkung, die Systeme ab eine gewisse Komplexität unmöglich macht.

Dieser Begriff des Symbols und der Kodierung sollte in der Informatik durchgängig unterstützt werden. Das, was man heute mit festen „Zeichenketten” als trivial abtut, sollte zu einer Grundfunktionalität werden, an der Softwaresysteme gemessen werden. Über eine derartige Infrastruktur zu verfügen, wäre ein großer Schritt nach vorne in der Informatik überhaupt.

Überfordert

Geschrieben am 26.07.06 #

Unser Jahrhundert ist völlig überfordert. Nicht mit der natürlichen Welt — die hatte der Mensch noch nie unter Kontrolle —, sondern mit der Welt, die wir selbst aufgebaut haben. Wir können unsere gesellschaftlichen, wirtschaftlichen, rechtlichen, wissenschaftlichen Institutionen nicht mehr kontrollieren. Milionen von uns stecken tagtäglich in den Stau, weil wir nicht in der Lage sind, den Verkehr zu koordinieren. Wir können nicht über Politik ernsthaft diskutieren — nicht auf nationaler Ebene, schon gar nicht weltweit —, weil die Folgen der zu erwägenden Maßnamen nicht sachlich auszumachen sind. In der Wissenschaft können wir uns nur über Kleinigkeiten einigen, für die tiefgründigen Fragen verfügen wir weder über die geeignete Sprache noch über den gesellschaftlichen Rahmen. Die europäische Hochkultur ist zu einer Nische verkommen, einer neben der Legion anderer kulturellen Nischen, aus denen unsere Massengesellschaft besteht.

Es muss unbedingt etwas grundsätzlich anderes gemacht werden, wenn wir die schon deutlich wahrzunehmenden Barbarei vermeiden wollen. Nicht weiter in die selbe Richtung sollten wir gehen, sondern anhalten sollten wir, uns eine Verschnaufpause gönnen und die Orientierung wieder gewinnen, bevor wir weiter machen.

Wirklichkeitsgefühl

Geschrieben am 17.07.06 #

Was lässt in uns ein Wirklichkeitsgefühl entstehen? In erster Linie die Sinneswahrnehmung. Was die Augen und Ohren erschließen, und noch mehr das, was der Tastsinn erschließt, das halten wir für real. Aber wir halten viel mehr für wirklich, als das, was uns die Sinnesorgane unmittelbar belegen, und unter all dem steht, immer, die Sprache.

So wird häufig etwas Erlebtes erst dann zu Wirklichkeit, wenn wir davon mit anderen sprechen. Was zunächst nur dunkle persönliche Eindrücke waren, wird durch das darüber Sprechen zu fester gemeinsamer Realität — wobei man sich nicht selten die Sache zurechtzimmert.

Wirklichkeitsgefühl haben wir auch des Geldes wegen. Das rührt daher, dass wir mit diesen sprachlichen Ausdrücken sehr sorgfältig umgehen und keine Ungenauigkeit dulden. Wenn ich Ricola-Bombons für 1,80€ kaufe, dann zahle ich 1 € und 80 Cent, nicht 1 Cent mehr und nicht 1 Cent weniger. Und wenn ich mich an die Regeln nicht halte, bekomme ich es mit der Polizei, dem Gericht und dem Gefägnis zu tun. Und dieser physische und gesellschaftliche Widerstand lässt in mir Wirklichkeitsgefühl entstehen.

Wirklichkeitsgefühl hat auch ein Programmierer gegenüber dem Code, den er schreibt, vor allem dann, wenn er gegen den Compiler zu kämpfen hat, der seine syntaktischen und anderen formalen Fehler sofort entdeckt und nicht durchgehen lässt. Und man hat ein viel stärkeres Wirklichkeitsgefühl mit einer modernen Entwicklungsumgebung, die sofort und unbestechlich reagiert, als mit einem einfacheren System, das alles durchgehen lässt. Hier ist der logische Widerstand des Compilers, was das Wirklichkeitsgefühl entstehen lässt.

Sowohl im Falle des Geldes wie im Falle des Computerprogramms ist — wie beim Tastsinn — der Widerstand, was Wirklichkeit aufbauend ist. Es ist nicht der sprachliche Ausdruck als solcher, sondern die Tatsache, dass man sich peinlich genau an ihn hält und keine Abweichung duldet. Dies erklärt zum Beispiel, warum man in der Mathematik viel weniger Wirklichkeitsgefühl empfindet. Die sprachlichen Ausdrücke an sich sind genauso real, nur wir halten uns nicht so streng an sie, denn das Blatt Papier reagiert nicht, wenn ich etwas mathematisch Falsches darauf schreibe, und die mathematische Sprache ist nicht vollständig formalisiert, und man meint nicht genau, was da steht, sondern etwas, das man dem entnimmt. Eben dieses erklärt, dass, obwohl es seit über zweitausend Jahren schon Mathematik gibt, man noch nicht darauf gekommen ist, dass man es darin mit Textstrukturen — und allein mit Textstrukturen — zu tun hat.

Hoch lebe der Dilettantismus!

Geschrieben am 15.07.06 #

Was wäre die Welt ohne den Dilettantismus vergangener Zeiten? Wo stünden wir heute ohne den Dilettantismus eines Aristoteles, ohne den Dilettantismus eines Galileo Galilei, eines Isaac Newton, eines Friedrich Nietzsche und eines Charles Darwin? Seit dem 20. Jahrhundert haben wir keine solch großen Gestalt mehr erlebt, und zwar nicht aus Zufall, sondern aus strukturellen Gründen: Weil wir keinen Dilettantismus mehr dulden. Unsere Fachgespräche sind so streng geregelt, dass nur Fachleute, die sich in den Formalien auskennen, mithalten können. Aber diese Formalien lasten zunehmend den Einzelnen aus, so dass über die Einhaltung des Protokolls hinaus keine Kräfte mehr übrig bleiben. Wir sind so hoch professionell, und so wenig neugierig! Wir lassen keinen Raum mehr zur freien Entfaltung der Einbildung, zu neuen Verbindungen und Sichtweisen. Wir hacken fest an Vorstellungen, aus denen wir seit Jahrhunderten nicht heraus kommen. Da gibt es nur einen Ausweg: Nieder mit den Fachidioten, es lebe der gebildete, allgemein interessierte Dilettantismus!

Text und Idee als Grundwirklichkeiten

Geschrieben am 15.07.06 #

In der Welt gibt es einerseits Texte, andererseits Ideen. Es handelt sich um zwei Grundwirklichkeiten, die voneinander völlig getrennt aufzufassen sind.

Der Text ist ein symbolisches Gebilde, ein Ausdruck durch Symbole, der bestimmte Beziehungen zwischen Symbolen darstellt. Der Text in der laufenden Rede ist die Syntax der Sätze und die Morphologie der Wörter. Der Text in den Büchern ist dieses zusammen mit der Gliederung in Kapiteln, der Mehrschichtigkeit durch Fußnoten, usw. Der Text in der Mathematik ist die syntaktische Analyse der Sätze. Der Text in der Softwareentwicklung ist die syntaktische und lexikalische Analyse des Quellcodes, so wie ein Compiler sie durchführt. Der Text im Recht ist der Wortlaut der Gesetze. Der Text in der Wissenschaft ist das symbolische Gebilde, das sämtliche Theorien und Tatsachenwissen bilden. Jeden Text sehen alle Menschen jederzeit gleich: Jeder sieht da — Sprachkompetenz vorausgesetzt — grundsätzlich dieselben Symbole und dieselben Bezeihungen zwischen ihnen.

Eine Idee ist eine Vorstellung, die ein bestimmtes Individuum zu einem bestimmten Zeitpunkt erlebt. Die Ideen sind nicht vermittelbar, denn jeder erfährt grundsätzlich nur die eigenen und nur in der Gegenwart. Allein im uneigentlichen Sinne lässt sich von einer gesellschaftlichen Idee sprechen, wenn wir soziale Phänomene meinen, die sich durch in gewissem Sinne ähnliche Ideen von verschiedenen Menschen auszeichnen. In einem sogenannten Ideenaustausch werden keine Ideen ausgetauscht, sondern jeder versucht, die Ideen des anderen nachzuvollziehen.

So klar diese zwei unterschiedliche Begriffe sind, so klar muss man auch deren Einsatz auseinanderhalten. Wenn wir irgendetwas unternehmen, sollten wir uns fragen: Haben wir es nun mit Texten oder aber mit Ideen zu tun? Denn wie wir vorgehen sollen, was wir zu vermeiden haben und was wir davon erwarten können, ist jeweils etwas völlig anderes.

Einen Text setzt man zum Beispiel ein, um Kenntnis über eine Tatsache zu erlangen, oder um in einer Gruppe oder in der Gesellschaft eine Entscheidung zu treffen oder eine Richtlinie festzulegen. Hier basiert der Erfolg auf dem treffenden Ausdruck. Man diskutiert, bis man die richtige Formulierung erreicht hat. Es ist in solchen Diskussionen der Sache nicht förderlich, die eigenen Vorstellungen einzubringen, denn es geht ausschließlich um den symbolischen Ausdruck. Den Text setzt man ein als Zweck, um etwas (Erkenntnis, Gesetze, Einigung) zu erreichen.

Eine ganz andere Bewandtnis hat es mit den Ideen. Wenn man die Ideen anderer nachzuvollziehen versucht, bemüht man sich, sich in den anderen hineinzuversetzen. Wenn der Ideenaustausch über Worte stattfindet, so geht es darum, den vom Ansprechpartner geäußerten Text genauso zu interpretieren, wie er selber es tut. Eine Idee nachvollziehen, bedeutet, die Sachen so aufzufassen, wie die Idee es tut, das heißt, diese Idee als Wahrheit zu erfassen. Eine Idee kann man nicht kritisieren: Wenn eine Idee A eine andere Idee B für falsch hält, so liegt A unbedingt eine Auslegung von B zugrunde, die nicht selbst B ist. Aber die Ideen anderer nehmen wir nicht wahr, also legen wir nicht die Idee B aus, sondern etwas, das wir für deren Ausdruck halten. Das heißt, in der Kritik kommt die eigentliche Idee B gar nicht vor! Eine Idee A für wahr zu halten, setzt hingegen gar keine andere Idee voraus.

So müssen wir uns etwa in der wissenschaftlichen Diskussion fragen: Wozu reden wir hier? Um des Wissens Willen. So geht es uns um den Text, wir sollen über Formulierungen reden, sie kritisieren und verbessern, und auf unseren persönlichen Vorstellungen verzichten. So müssen wir uns etwa in der Politik fragen: Wozu reden wir? Um Entscheidungen zu treffen. So geht es uns um den Text, wir können nicht erwarten, uns über Ideologien zu einigen, sondern über Gesetze und Maßnahmen. So müssen wir uns in jeder Debatte fragen: Haben wir hier einen praktischen Zweck, oder geht es uns hier darum, den Anderen zu verstehen? Nur im letzteren Fall geht es uns um Ideen, dann spielt der Wortlaut und dessen logische Konsistenz eine untergeordnete Rolle. Wenn es um Text geht, kann man — ja sollte man sogar — die Worte des Anderen umdeuten. Wenn es aber um Ideen geht, hat es überhaupt keinen Zweck, dem Anderen die Worte im Mund herumzudrehen.

Was Wissenschaftler tun

Geschrieben am 15.07.06 #

Der Grundfehler in fast allen Aussagen über das, was die Wissenschaft ausmacht, ist, dass man nur darüber spricht, was der Wissenschaftler tut. Man sagt etwa: Der Wissenschaftler tut nichts anderes, als das, was jeder Mensch im Alltag tut, nur systematischer. Oder: Die wissenschaftlichen Erkenntnisse sind ein soziales Konstrukt. Dabei ist überhaupt nicht das, was der Wissenschaftler tut — schon gar nicht das, was er zu tun glaubt —, was die Wissenschaft charakterisiert. Den Satz des Thales halten wir heute für wahr, nicht, weil ein Herr Thales dieses oder jenes zu tun geglaubt hätte, sondern, weil dieser Satz seit über zweitausend Jahren unwidersprochen da steht, weil er sich auf konsistenter Weise in die ganze Mathematik eingliedern lässt, und weil die ganze Mathematik die solideste Erkenntnis ist, über die wir verfügen, nicht nur, weil Generation über Generation von Mathematikern die jeweils erreichten Kenntnissen akzeptiert haben, sondern vielmehr, weil wir auf der Mathematik die modernen Naturwissenschaften aufgebaut haben, die in den letzten zwei Jahrhunderten einen durschschlagenden Erfolg hatten und durch die technische Anwendung das Angesicht der Welt grundlegend verändert haben.

Deshalb sollten wir nicht darüber Streiten, was wir tun, wenn wir Wissenschaft betreiben. Denn dies ist Ansichtsache, wir werden in Zukunft meinen, wir hätten heute etwas anderes gemacht, als das, was wir heute zu tun glauben. Außerdem brauchen wir nicht alle dasselbe darüber zu denken. Es ist gut, dass verschiedene Weltanschauungen in der Wissenschaft vertreten sind. Nicht die Ideen sind die wissenschaftliche Angelegenheit, sondern das Ergebnis, das ganze Wissen.

Das Organon und das Ganze

Geschrieben am 14.07.06 #

Dem Organon geht es um das Ganze. Viel wichtiger als die theoretischen Ansätze in der Philologie oder in der informatischen Textstruktur oder im grundlegenden Textbegriff, so wie sie hier versucht werden, ist für uns, wie gut all diesen Aspekte miteinander zusammengebracht werden. Uns geht es nicht so sehr darum, die treffende These in dieser oder jener Disziplin aufzustellen, sondern vielmehr darum, ein Gespräch anzuzetteln, das diese verschiedenen Disziplinen nicht — wie sonst — als losgelöste Fachbereiche betrachtet, sondern als Erscheinungen, in deren gemeinsame Grundlage man zu vertiefen sucht. Wir sind keine Spezialisten in einigen dieser Fachbereiche, schon gar nicht in allen, und beanspruchen auch nicht, in diesen unmittelbar einen wertvollen Beitrag zu leisten.

Gründe und Wissenschaft

Geschrieben am 13.07.06 #

Ein Wort wie Grund — im strengen Sinne — hat in der Wissenschaft nichts zu suchen. Denn ein Grund lässt sich nicht äußerlich feststellen und daher auch nicht formal beschreiben, diskutieren und belegen. Man kann überprüfen, ob zwei Ereignisse etwa immer zusammenkommen, oder ob das eine immer dem anderen in der Zeit folgt. Aber vom Grund zu reden, bedeutet schon, eine innere Verknüpfung zwischen beiden herzustellen, das heißt, eine solche Aussage ist eine metaphysische. Dass dies so ist, lässt sich bereits bei der ersten Kontaktaufnahme mit der symbolischen Logik erahnen. Denn die Logik besteht darauf, der konditionale Junktor A -> B auf sein Equivalent ¬ ( A v ¬  B ) zurückzuführen. Jeder Anfänger stößt gegen die Schwierigkeit, etwas, das er innerlich für einen Grund hält, auf die Äußerlichkeit des Zusammentreffens zu reduzieren. Aber da hat die Logik Recht. Der Grund ist einfach nichts Logisches. Und was nichts Logisches ist, kann nie und nimmer Teil der Wissenschaft sein. Auch wenn die ganze Welt mit einer bestimmten Aussage über den Grund von etwas einverstanden wäre, bliebe die Wahrheit der Aussage wissenschaftlich unbeweisbar.

Geisterwissenschaften

Geschrieben am 12.07.06 #

Es gibt die Natur- und die — Geister-Wissenschaften. So wie der Geisterfahrer auf der falschen Seite fährt, so sind viele Geisteswissenschaftler auf der falschen Fährte. Nehmen wir eine beliebige Wissenschaftsgeschichte. Was steht unter Naturwissenschaften? Dass man dann und dann dieses und jenes entdeckt hat. Was steht unter Geisteswissenschaften (falls diese überhaupt vorkommen)? Dass dieser und jener Autor diese und jene Theorie vertreten hat. Nun ja, es ist schön und gut, Thesen aufzustellen und zu kritisieren, aber das allein ist lange noch keine Erkenntnis. Die Diskussion um der Diskussion Willen bringt uns gar keinen Fortschritt. Wissenschaft kommt von Wissen, käme sie von Meinen, so hieße sie Meinenschaft. Frappant ist die Ähnlichkeit zwischen diesen Diskussionen und allen mittelalterlichen Wissenschaften. Man läuft den eigenen Hirngespinsten hinterher, ohne die Wirklichkeit ins Angesicht zu schauen. Man redet nur vom Geredeten und nicht von der Welt und man ist erstaunlich — und unzeitgemäß — unkritisch und kommt aus der Mode und den Autoritäten (ja, sie gibt es schon wieder!) nicht heraus.

Der Name der Rose (2)

Geschrieben am 11.07.06 #

Was ist eigentlich das Geld? Es lässt sich kaum bezweifeln, dass es real ist, ja viele Leute scheinen gerade das Geld für die grundlegendste Wirklichkeit zu halten. Wir haben eine höchst genaue und stabile Vorstellung dessen, was 10, 200 oder 3000 € sind, und doch handelt es sich dabei keineswegs um etwas Materielles, das man sehen, hören oder anfassen könnte. Was hat also das Geld für eine Realität?

Was ist eigentlich 1 €? Man kommt bald zu der Definition: Ein Euro ist eine Einheit des Austausches. Geld gibt es, weil wir Waren und Dienstleistungen an- und verkaufen. Und eine bestimmte Währung hat die Funktion, in diesem Tausch als Referenz zu dienen. Wir tauschen nicht ein Schaf gegen einen Tisch, sondern das Schaf und den Tisch jeweils gegen Geld. Das Geld ist ein logisches Mittel des indirekten Austausches, das den Handel in unvergleichbar größerem Maßstab ermöglicht als der einfache direkte Tausch.

Aber was ist das, eine „Einheit des Austausches”? In unserer Welt ist das Geld schon lange nicht mehr das materielle Gut, teilbar und von jedem im Tausch angenommen, sondern es ist bloß zu einer Konvention geworden. Heutzutage hat niemand mehr „einen echten Euro” gesehen, einen solchen gibt es eigentlich gar nicht mehr, sondern nur dessen Stellvertreter — ob die Münze oder das Zeichen auf dem Kontoauszug —.

Das Geld ist Text. „2 €” ist ein linguistischer Ausdruck, nichts mehr und nichts weniger. Die Sprache um das Geld ist eine reife und stabile Sprache, die die Menschheit in Jahrtausenden allmählich hervorgebracht hat, und deren geregelten Einsatz der Staat mit Gewalt durchsetzt. Die Realität des Geldes ist die des Textes.

Dokumentation in der Softwareentwicklung

Geschrieben am 10.07.06 #

Wir möchten nun eine Überlegung über die Softwaredokumentation anstellen. Nicht über die Benutzerdokumentation, sondern über die technische Dokumentation eines Softwareprogamms, die deren Entwickler selbst brauchen.

Der Begriff der Dokumentation braucht dringend eine Generalüberholung. Heute ist die Auffassung so, als gäbe es einerseits die Software — die richtige Software — und andererseits ein Papierkadaver namens Dokumentation, der über die Software berichtet. Mit solchen Begriffen ist die Dokumentation dazu verdammt, entweder gar nicht oder schlecht gemacht zu werden, und gezwungen, in den meisten Fällen nur kurzlebig mit der Software, die sich ja ständig weiterentwickelt, zu übereinstimmen. Eine Dokumentation schreibt man nur mit großem Aufwand und, noch schlimmer, indem man eine Tätigkeit nachgeht, die eine andere als die eigentliche Entwicklung ist.

Dieser Zustand lässt sich dadurch beheben, dass man den Begriff der Dokumentation über die Software vergisst, und ihn durch einen neuen Begriff der Softwarespezifikation ersetzt. Wir meinen allerdings hier unter Spezifikation nicht wie üblich allein die Anforderungs- und Entwurfsspezifikation, sondern die vollständige Spezifikation der Software, von der allgemeinsten Problemanalyse bis zur spezifischsten Implementierungsentscheidung. Das Wort Spezifikation signalisiert hier: Wir machen nicht so etwas wie einen Ideenaustausch, sondern wir treffen Entscheidungen, wir schreiben Bestimmungen vor. Die Spezifikation zeichnet sich also aus durch einen formalen Sprachgebrauch — zum Teil durch formale Sprachen, zum Teil aber auch durch laufende Rede —.

Unser Ansatz besteht darin, die natürliche Sprache da einzusetzen, wo die Programmiersprachen aufhören, und zwar mit fließendem Übergang, und genau dasselbe zu tun mit einer Programmiersprache wie mit der natürlichen Sprache. Die Teile in natürlicher Sprache unterscheiden sich nur dadurch, dass sie etwa nicht kompiliert werden können, aber sie müssen genauso gut geschrieben, gepflegt und getestet werden wie der Quellcode. Hier gibt es keine Grenze zwischen Dokumentation und Software, weil alles ein und dasselbe ist. Dass einige Teile davon nur durch einen Menschen verarbeitet werden können, und einige Teile durch den Rechner, ist da nebensächlich.

Der Name der Rose (1)

Geschrieben am 09.07.06 #

Was ist eigentlich die Software? Was ist denn eigentlich ein Textverarbeitungsprogramm? Was ist eine Datenbank? Kann man so was anfassen? Wohl nicht. Ist es denn irgendwie eine Idee? Wohl auch nicht, denn eine Idee lässt sich maschinell nicht unmittelbar einsetzen, und die neu besorgte Software lässt sich direkt in den Rechner installieren und verrichtet eine bestimmte Arbeit. Wenn sie nicht real ist, wieso spielt sie im Einsatz, im Handel und Recht eine so stabile Rolle? Wenn sie real ist, wieso kann man sie so schlecht mit etwas Materiellem identifizieren, da man sie nicht wahrnehmen kann?

Die Software ist Text. Eine bestimmte Software, etwa die Version so und so vom Textverarbeitungsprogram so und so, ist ein bestimmter, fixierter Text, der in elektronischer Form vorliegt. Eine Rose duftete und eine Glühbirne leuchtete, auch wenn sie noch keinen Namen bekommen hätten. Aber eine Datenbank gibt es dann und nur dann, wenn es gewisse Informationstrukturen gibt, die man auf gewisser Weise verarbeiten kann. Eine Software gibt es nur, insofern sie verursacht, dass das Verhalten des Rechners unter einer bestimmten Beschreibung fällt. Die Realität der Software ist die Realität der Sprache: der Text.

Deshalb ähnelt die Software so sehr einem Buch. Man kann sie ohne Verlust kopieren, womit man nicht eine neue gleiche, sondern noch einmal dieselbe Software bekommt. Und wenn man sie entwickelt, fängt man mit einer unausgegorenen Fassung an (die Schriftsteller reden vom Monster des Buches, die Softwareentwickler von der Alpha-Version), die man allmählich ausreifen lassen muss, bis sie zum fertigen Produkt wird.

S. auch Post Der Name der Rose (2).

Verlust der Verständlichkeit: Überschriften

Geschrieben am 09.07.06 #

Aufschlussreich ist, die Entwicklung der Textgliederung in den Sach- und Ideenbüchern der letzten Jahrhunderten zu beobachten. Während die Textstrukturen stehen geblieben sind — denn seit jeher strukturiert man Bücher mittels einer Hierarchie von Überschriften — zeigen die Überschriften eine deutliche Neigung dazu, kürzer und symbolischer zu werden. So sind die Titel der Bücher in der Aufklärung häufig ausformulierte Sätze, die den Inhalt beschreiben, und man kann sich einen guten Eindruck vom Text verschaffen, indem man die aussagekräftigen Überschriften aufmerksam liest. Im Gegensatz dazu kann man sich aus einem heutigen Buchtitel in der Regel überhaupt keine angemessene Vorstellung vom Inhalt machen, wenn man es nicht im Voraus schon wusste, und das Inhaltsverzeichnis lässt viel zu viel unterschiedliche, ja entgegengesetzte Auslegungen zu.

Mag sein, dass dies der Einfluss einer falsch verstandenen Wissenschaft ist. Denn in der Wissenschaft geht es eben um den symbolischen Gehalt und nicht um Interpretation. Aber in allen Büchern, in denen Vorstellungen zur Sprache gebracht werden (schon in der wissenschaftlichen Aufklärung), führt diese Versymbolisierung nur zur Abstraktion und Entkräftung der Ideen.

Mag sein, dass dies auch der Einfluss des Marketings ist, denn ein Titel, der viel Raum zur Spekulation bietet, lässt sich bestimmt viel besser verkaufen, weil jeder Käufer darin seine eigene Träume hineinbringt. Wobei hier Marketing nicht nur im Sinne von Buch-Markteting zu verstehen ist, sondern auch als Profilierungs-Marketing, die Bemühung um den Erfolg des Schriftstellers und des Akademikers in seinem beruflichen Umfeld.

Mag sein, dass dies ein Ausdruck der generellen geistigen Verarmung der Gegenwart ist. Denn wir denken heute nur so: in Stichwörtern. Das heißt, wir denken heute nicht mehr, wir jonglieren nur mit nichtssagenden aber als aufregend empfundenen Worten.

Arbeit mit Texten

Geschrieben am 09.07.06 #

Egal in welchem Bereich man mit Texten arbeitet, gibt es bestimmte grundlegende Operationen, die man immer wieder einsetzt. So kommen in den Texten bestimmte lexikalische Texteinheiten vor: Wörter, denen innerhalb des Textes eine mehr oder minder feste Bedeutung zukommt. Immer nützlich sind da für die Auswertung zwei Ansichten: eine, die Auskunft über die wesentlichen Merkmalen der einzelnen Lexeme sammelt, und eine andere, die Zugang zu allen Vorkommen der einzelnen Lexeme im Text verschafft.

Beispiel in der Philologie: Beim Studium eines klassischen Werkes der Literatur oder der Philosophie erstellt man ein Lexikon, in dem die Wortbedeutung erklärt wird (1. Ansicht). Man benutzt auch eine Konkordanz, um alle Vorkommen der Wörter zu übersehen (2. Ansicht).

Beispiel in der Softwareentwicklung: Der Quellcode eines Softwareprogramms besteht in einer Sammlung von Symbolen (Modulen, Funktionen, Variablen, usw.), die einzeln spezifiziert werden (1. Ansicht). Im Laufe der Entwicklung braucht man immer wieder alle einzelne Vorkommen der Symbolen zu durchlaufen (2. Ansicht).

Dieselben 2 Ansichten kommen auch in allen möglichen anderen Sach- und Fachbereichen vor, nur sie werden voneinander getrennt betrieben. Wenn wir alle grundlegenden Operationen in der Textarbeit identifizieren, können wir aus der bereits gesammelten Erfahrung in jedem Bereich lernen und zu praktischen und mächtigen Werkzeugen kommen, die dann wieder zurück in den einzelnen Bereichen einfließen werden.

Vergleich Text / Relation

Geschrieben am 08.07.06 #

Vergleichen wir nun den Text, so wie wir ihn definiert haben, mit dem mathematischen Begriff der Relation. Wenn man einen Text so spezifiziert:

Müller : Familie { ~Elternteil Anna : Frau; ~Kind Max : Mann }

hat man nicht nur Relationen aufgestellt (etwa zwischen Müller und Familie, zwischen Anna und Frau), sondern auch Relationen zwischen Relationen, etwa zwischen der Familie-Müller und der Frau-Anna in der Rolle des Elternteiles. Da haben wir es also nicht mit einer Relation zwischen Grundmengen zu tun, sondern mit einer Beziehung zweiten Grades zwischen Relationen. Wenn also eine Relation als R(a,b) definiert wird (Beziehung zweier), so ist ein Text T(e,ü,r,t) eine Beziehung vierer, wobei e Einheit, ü Übergeordnete Einheit, r Rolle und t Typ Texte sind, die nicht beliebig sind, sondern unbedingt wiederum in Relation stehen: R(üt,r), R(rt,t), denn die Rolle muss dem Typ des übergeordneten Texts untergeordnet sein, und der Typ muss dem Typ der Rolle untergeordnet sein.

Man könnte also sagen: Der Text ist eine Relation zweiten Grades.

Aber gehen wir einen Schritt weiter. Befreien wir uns vom historisch bedingten Zufall, von der Tatsache, dass die Mathematik schon lange die Relation aber noch nicht den Text erobert hat, und fragen uns: Warum den Text als Relation zweiten Grades definieren? Warum nicht vom Text ausgehen, und schauen, wie die Relation als Spezialfall eines Textes definiert werden kann?

In der Tat lässt sich die Relation als trivialen Fall des Textes ansehen. Wir definieren einen elementaren Text mit dem Namen Texteinheit und der Form Texteinheit { ~Texteinheit Texteinheit : Texteinheit }. Er bedeutet den Grundtext, das Elementarteilchen, aus dem alle anderen Texten bestehen, indem wir jeden anderen Grundtext so definieren Texteinheit { ~Texteinheit Text : Texteinheit }. Nun lässt sich eine Relation R(a,b) folgendermaßen ausdrücken: a : Texteinheit { ~Texteinheit b : Texteinheit }.

Mit anderen Worten: Die Relation ist der Trivialtext zwischen 2 Texteinheiten und der Texteinheit.

Diese zweite Definition ist deswegen vorzuziehen, weil sie tiefer eindringt: Relationen können nur über Worte spezifiziert werden, und Worte sind nun mal Texteinheiten. Eine Mathematik, die mit Relationen anfängt, hat ein Grundlagenproblem, denn was ist eigentlich eine Relation? Gibt es sie in der Welt oder nur in unseren Köpfen? Eine Mathematik hingegen, die mit Texten anfängt, hat dieses Problem gar nicht, da der Mensch bekanntlich ein sprachfähiges Wesen ist, und so ist es nicht weiter verwunderlich, dass die Mathematik die von Menschen hervorgebrachte Texte untersucht und deren Regelmäßigkeiten ausmacht.

Vorbemerkung zur Fundamentallinguistik

Geschrieben am 08.07.06 #

Haben Erscheinungen wie die deutsche und die japanische Sprache, die Sprache der Mathematik und die Programmiersprachen C und FORTRAN etwas gemeinsam? Hat das Wort Sprache denn eine Grundbedeutung, die Bezeichnungen wie der „Sprache Goethes”, der „Jugendsprache”, der „Sprache der mathematischen Logik”, der „indogermanischen Sprache” und einer „künstlichen Sprache” gleichsam unterliegt? Sind wir heute immer noch in der Lage, den griechischen Begriff des Logos nachzuvollziehen? Können wir diesen für die Wissenschaft wiedergewinnen? Dem möchten wir nachgehen. Uns schwebt eine Disziplin vor, die all dieses als ein einziges Phänomen wissenschaftlich untersucht und eine grundlegende Theorie hervorbringt, auf der jegliche kulturelle Sprachwissenschaft und die allgemeine Linguistik, aber auch die Theorie der Programmiersprachen und selbst die Mathematik aufbauen könnten. Wir nennen sie die Fundamentallinguistik.

Ted Nelsons Traum in Literary Machines

Geschrieben am 08.07.06 #

Aus: Theodor Holm Nelson, Literary Machines, Mindful Press, 1992. [Bestellung]

[S. 0/13:]

We have to save mankind from an almost certain and immediately approaching doom through the application, expansion and dissemination of intelligence. Not artificial, but the human kind. To humankind.

[S. 1/4:]

Imagine a new accessibility and excitement that can unseat the video narcosis that now sits on our land like a fog. Imagine a new libertarian literature with alternative explanations so anyone can choose the pathway or approach that best suits him or her; with ideas accessible and interesting to everyone, so that a new richness and freedom can come to the human experience; imagine a rebirth of literacy. All that is what this book is about.

Yet dammit, what's worst is everybody lacking a sense of urgency. This is the eleventh hour of the human race, and there is a deadly urgency about everything we do.

[S. 1/13:]

In the broader view, the goals of tomorrow's text systems will be the long ones of civilization — education, understanding, human happiness, the preservation of humane traditions — but we must use today's and tomorrow's technologies. We who believe this are systems humanists, striving to further the ideals of the humanist perspective by the best available means. This means finding the ways that human literature, art and thought — including science, of course — may best be facilitated, preserved, and disseminated.

Fantasie und Wirklichkeit (Michael Ende)

Geschrieben am 08.07.06 #

Es gibt Menschen, die können nie nach Phantásien kommen, und es gibt Menschen, die können es, aber sie bleiben für immer dort. Und dann gibt es noch einige, die gehen nach Phantásien und kehren wieder zurück. So wie du, Bastian. Und sie machen beide Welten gesund.

Michael Ende: Die unendliche Geschichte.

Das Relationale Modell als Vorbild

Geschrieben am 08.07.06 #

Das Relationale Datenbankmodell ist eine der größten Errungenschaften der Informatik überhaupt. Es ist eindrucksvoll, wie ausdrucksstark eine Abfragesprache wie SQL ist. Diese Sprache verrichtet in der Gegenwart täglich die Arbeit, die sonst unzählige Programmierer einer herkömmlichen Programmiersprache leisten sollten — was ja im Endeffekt bedeutet, dass sie viele sonst undenkbaren Aufgaben ermöglicht. Das Relationale Modell ist — möchte man fast sagen — perfekt: Die Datenstruktur und die Sprache sind einfach und klar, mit wenigen Mitteln, die sehr allgemein gehalten und ohne Ausnahmen sind. Alles basiert auf ein simples mathematisches Modell, das dem Ganzen eine solide Struktur verleiht.

Der durchschlagende praktische Erfolg des Relationalen Modells veranlasst einige Überlegungen. Hier stehen wir nicht vor irgend einer Erfindung, die man mehr oder minder erfolgreich einsetzen kann. Hier stehen wir vor einer grundlegenden Einsicht in den Kern der Informationsstruktur. Wenn sich beliebige Daten mit diesen wenigen Mitteln repräsentieren, verwalten und abrufen lassen, dann beschreibt dieses Modell die Daten als solche und trifft sein Wesen. Das Relationale Modell ist kein technisches Konstrukt, sondern es ist eine _Theorie,_ die — so wie die Newtonschen Gesetzen — die Regelmäßigkeiten in der Wirklichkeit erfasst.

Das Relationale Modell nehmen wir zum Vorbild in unserer Suche nach einer allgemeinen Textstruktur. Wir wollen den Kern des Textes treffen, genauso wie unser Vorbild den Kern der Daten trifft. Wir wollen ein schlichtes mathematisches Modell finden, das den Text und dessen Umformungen beschreibt. Denn die Daten sind zwar ein wichtiger Teil der Software, aber lange nicht alles. Der Text hingegen ist ein allgemeineres Gebilde, das nicht nur Datenstrukturen, sondern auch allerlei Algorithmen miteinbezieht.

Computer = Textmaschine

Geschrieben am 06.07.06 #

Der Computer kann in mannigfaltigen Bereichen eingesetzt werden, aber was ist sein Wesen? Der Computer ist im Grunde eine textverarbeitende Maschine, das heißt ein elektronisches Gerät, dessen Aufgabe darin besteht, textgesteuert Texte umzuschreiben.

Diese Definition ist keine Metapher, sondern sie ist wörtlich zu verstehen. Wir sagen nicht etwa, der Computer verabeite Informationen — was nur im übertragenen Sinne behauptet werden kann, denn Information existiert nur für uns Menschen, die wir etwas als Information interpretieren, aber unmöglich für den Computer, der nicht in der Lage ist, zu verstehen. Wir sagen, dass der Computer buchstäblich mit Text umgeht, und zwar unmittelbar mit Text und mit dem Text als solchem.

Diese Definition ist auch keine unnützliche Abstraktion, sondern daraus ergibt sich eine Software-Auffassung, die neue Wege eröffnet. Wenn wir alle Software als Textumschreibung verstehen, und wir es schaffen, einen grundlegenden Textbegriff zu entwerfen, mit dem alle Software tatsächlich geschrieben werden kann, werden wir eine Integration zwischen den Softwarekomponenten erreichen, die von einer anderen Galaxie ist, als die heutige Software, und wir werden Programmiersprachen entwerfen, die alles bisherige in den Schatten setzen.

Gas geben

Geschrieben am 04.07.06 #

Ums Gas-Geben geht es. Nicht wie ein Schaf zu leben, nicht wie ein Schaf zu denken, sondern wie ein Wolf. Gas zu geben, sich zu trauen und die gequetschen Reifen, die Hitze und den Geruch auf der Straße zu hinterlassen.

Was Informatikkritik ist

Geschrieben am 02.07.06 #

Neben der informatischen Sacharbeit sollte man die Informatikkritik pflegen. Wir meinen hier Kritik im Sinne von kritischer Beurteilung, wie in Sprachkritik. Denn mit Computern lässt sich Allerlei programmieren. Die Grenze setzt allein unsere Einbildungskraft. Und die Fantasie ist nichts für Fachleute als solche, sondern sie sollte im gesellschaftlichen Umgang gefördert werden, genauso wie dies bereits mit den Künsten und überhaupt mit der Kultur geschieht.

Wie weit entfernt wir von einer solchen Einstellung wirklich sind, sieht man, wenn man beobachtet, wie einsam ein Wegbereiter der Informatikkritik wie Ted Nelson eigentlich da steht. Seine bemerkenswerten Ansichten über die Informatik, seine Kritik der Software-Landschaft in den letzten Jahrzehnten, seine Ideen von innovativen Entwicklungen und seine Vorschläge von radikal neuen Herangehensweisen stoßen nur auf Unverständnis. Niemand scheint mit seiner Sprache etwas anfangen zu können: die Laien fühlen sich nicht angesprochen, als ginge es da um eine Fachfrage, die mit ihnen nichts zu tun hat; die Fachleute fühlen sich Angegriffen, als würde man seine Errungenschaften kleinreden, und verstehen kein Wort, weil der höhere Blickpunkt von Nelson seine Vorstellungskraft völlig übersteigt.

Der organonbedingte Verlust

Geschrieben am 01.07.06 #

Wissenschaftler aller Fachrichtungen, vor allem aber in den Geisteswissenschaften, werden gewiss den Ansatz des Organons für einen Verlust halten und werden deswegen gegen dessen Einführung Widerstand leisten. Dem Organon geht es jedoch gar nicht um den einzelnen Wissenschaftler und sein Verständnis des eigenen Faches, sondern vielmehr um das Ganze des wissenschaftlichen Wissens, das die Menschheit erschlossen hat. Viel wichtiger als die Tatsache, dass der Einzelne _Vieles_ zu verstehen glaubt, ist, über eine geordnete, unpersönliche Wissenssammlung zu verfügen. Das Verhältnis zwischen der künftigen, organonischen Wissenschaft und der gegenwärtigen Wissenschaft ähnelt da dem Verhältnis zwischen einer Autobahn und einem Feldweg. Die Erfahrung des Laufens geht für den Einzelnen zwar verloren, dafür aber gewinnt die Menschheit die Möglichkeit, sich überregional zu entwickeln und deshalb kulturell, gesellschaftlich und wirtschaftlich zu wachsen. Sicherlich wird sich durch das organonisieren der Wissenschaften das Erlebnis der wissenschaftlichen Arbeit ärmer und weniger befriedigend gestalten. Die positive Ergebnisse für die Allgemeinheit werden jedoch grundlegend und unverzichtbar sein.

Darwin über den Kampf ums Dasein

Geschrieben am 01.07.06 #

Wenn wir über diesen Kampf um's Dasein nachdenken, so mögen wir uns mit dem festen Glauben trösten, dass der Krieg der Natur nicht ununterbrochen ist, dass keine Furcht gefühlt wird, dass der Tod im Allgemeinen schnell ist, und dass der Kräftige, der Gesunde und Glückliche überlebt und sich vermehrt.

Charles Darwin: Über die Entstehung der Arten durch natürliche Zuchtwahl. Letzter Satz des 3. Kapitels.

Die Doxologie oder die Unphilosophie

Geschrieben am 24.06.06 #

Es gibt nichts weniger Philosophisches als die „Meinungen”, und doch vernimmt man aus der Masse, den Medien und der Universitätsindustrie nichts weiter als Meinungen, auch dann, wenn es vermeintlich um „Philosophie” geht.

Sicher braucht man im täglichen (privaten und gesellschaftlichen) Leben gelegentlich Meinungen, man muss sich ja mal entscheiden und festlegen. Aber sofort über alles ohne einen bestimmten Zweck abgeschlossene Meinungen zu äußern, ist die blödeste Art überhaupt, die Zeit zu vertreiben.

Was auch immer man unter Philosophie versteht, muss dieses irgendwie etwas zu tun haben mit Ideen. Ideen sind das Resultat des Denkens, einer geistigen Tätigkeit. Was kann jemand wohl gedacht haben, der von sich behauptet, er „vertrete” diese oder jene „Meinung”? Das ist nicht denken, da ist keine geistige Bewegung, das ist bloß ein auf eine einmal geäußerte These starrsinniges Beharren. Nix gegen Vertreter, die gehören aber zum Geschäftsleben, deren Tugend liegt in den Einnahmen, nicht in den Ideen!

Das Unerträgliche an unserer Zeit (an jeder Zeit im Modus der Gegenwart?) ist dieser Vertreter-Geruch, diese brüllende Masse, die nicht denkt, sondern nur „meint”. Dies geschieht nicht nur in der breiten Öffentlichkeit, sondern auch in der akademischen Tätigkeit. Nehme man ein beliebiges Buch über „Philosophie” und siehe man nach, was man darin findet. Nicht nur die Fülle derer, die nur aus gesellschaftlichen Gründen und nicht aus innerem Drang den Mund aufmachen, sondern auch die akademischen Arbeiten, die sich um Sachlichkeit bemühen, sind nur in der Lage, Meinungen aufzulisten und formal-unsinnig gegeneinander auszuspielen.

Sieht man denn nicht, dass Philosophie keine Theorie ist? Ich kann mir gut vorstellen, dass jemand an Theorie interessiert ist. Aber dann soll er sich gefälligst mit dieser oder jener Einzelwissenschaft, meinetwegen mit einem allgemeinen Organon für die Wissenschaft überhaupt beschäftigen. Aber dazu braucht man ein Wort wie „Philosophie” überhaupt nicht. Ein solches Wort ist hier sogar völlig unangebracht und kontraproduktiv. Aus der Wissenschaft sind Ideen grundsätzlich möglichst fern zu halten!

Wenn wir ein Wort wie „Philosophie” brauchen, dann sicher nicht, um aus dem Zusammenhang gerissene Meinungen zu sammeln, sondern um unsere eigene geistige Tätigkeit zu hegen und pflegen. Es geht nicht um jene überlieferten Texte, in dem was sie meinen, sondern um seine Auswirkung auf uns, es geht im Endeffekt um unsere gegenwärtige Denktätigkeit. Es geht darum, jene Texte zu interpretieren, um die ursprünglichen Ideen des Autors nachzuvollziehen, und das muss jeder für sich tun und keiner kann es ihm abnehemen. Dieses Interpretieren ist ein Zusammenspiel zwischen Einbildungskraft (ohne die es keine Ideen gibt) und fundierten Kenntnissen (ohne die man die historischen Ideen zu ihnen fremden Zwecken missbraucht). Das Wort „Philosophie” ist sinnvoll, wenn wir damit unsere Auseinandersetzung mit der Tradition bezeichnen. Die „philosophischen Institutionen” sind dann sinnvoll, wenn sie die geistige Fortentwicklung des Einzelnen und der Gesellschaft in der Auseinandersetzung mit der Tradition befördern.

Ich lieb Dich

Geschrieben am 10.06.06 #

Ich lieb Dich, deutsche Sprache. Ich will immer mit und in Dir sein, immer bei Dir verweilen. Ja, ich weiß, Du empfindest mich als einen Fremden und kannst meine Liebe nicht erwidern. Ja, ich weiß, mein Ausdruck ist tollpatschig. Ja, ich weiß, es gehört nicht zum guten Ton, zu sagen, dass man das Deutsche liebt. Denn die Deutschen empfinden es als Schmeichelei, was sie verabscheuen. Aber ich tue es trotzig: Ja, ich liebe Euch, Deutsche, die Ihr diese wunderbare Sprache hervorgebracht habt.

Wir sind so einsam

Geschrieben am 21.05.06 #

Wir sind so einsam, wie wir es uns gar nicht vorstellen können. Jeder von uns bewohnt eine andere Welt, die der eigenen Phantasie. Wir teilen schon Materie und Texte miteinander, doch nicht in der Materie leben wir, und nicht in den Texten, sondern in deren Deutung. So lange alles gut läuft, glauben wir, einander und die Welt zu verstehen. So lange, bis das Missverständnis aufbricht, bis das Ereignis eintritt, das ein für allemal klar macht, wie wenig wir bisher die Mitmenschen und die Sachen eigentlich verstanden hatten.

Die Kunst des alltäglichen Handelns

Geschrieben am 21.05.06 #

Kongzi betrachtete den Wasserfall bei Lü-liang, wo das Wasser aus einer Höhe von 30 Faden abstürzte und über 40 Li tobte und sprühte. Keine Schildkröte, kein Alligator und kein Fisch konnten dort schwimmen. Er sah einen Mann im Wasser schwimmen und dachte, ihm sei ein Unglück zugestoßen und er wolle [aus Kummer?] „ins Wasser gehen”. Deshalb wies er seinen Schüler an, sich längs der Strömung aufzustellen und ihn herauszuziehen. Aber nachdem der Mann ein paar hundert Meter zurückgelegt hatte, kam er aus dem Wasser. Mit herabhängedem Haar bummelte er am Ufer entlang und sang ein Liedchen.

Kongzi lief ihm nach und sagte: „Erst dachte ich, Ihr wärt ein Geist, aber jetzt sehe ich, daß Ihr ein Mensch seid. Darf ich fragen, ob ihr einen besonderen Weg habt mit dem Wasser zu gehen [ohne unterzugehen]?” Der Mann sagte: „Nein, ich habe keinen besonderen Weg. Ich habe mit dem begonnen, an das ich gewöhnt war bzw. was mir angeboren war, wuchs auf mit meiner Natur (mit dem, was für mich natürlich war) und erfüllte das, was mir bestimmt war (mein Los). Ich tauche ein mit dem Hereinstrudelnden und komme heraus mit dem Heraussprudelnden. Ich folge dem Lauf des Wassers ohne eigenes Zutun.”

[Vereinfacht] Aus: Günter Wohlfart: Kunst des Lebens und andere Künste. Parerga, Berlin 2005, S. 103-104.

Quelle: Die Website des Autors www.guenter-wohlfart.de

Totgeschwiegene Sprache

Geschrieben am 07.05.06 #

Wir entfalten in der Gegenwart alle mögliche Fähigkeiten, nur die sprachlichen nicht. Wir reden über alles Mögliche, nur über die Sprache nicht. Die (Wieder-)Entdeckung der Sinnlichkeit und der Intuition, die an sich positiv ist, hat uns nebenbei augenscheinlich die Sprache verschlagen. So haben wir in den letzten Jahrzehnten nicht nur eine geistige Verarmung in der Öffentlichkeit zu verzeichnen, sondern ein Verlust des Sprach-Bewusstseins auch in anderen Feldern wie zum Beispiel der Informatik.

Beispiel 1: Während in den siebzigern Jahren die Programmiersprachen unter sprachlichen Gesichtspunkten entworfen wurden (denken wir an Pascal oder Ada), hat es seitdem keine beträchtlichen sprachlichen Neuerungen mehr gegeben. Neues gab es seitdem etwa die Objekt-Orientierung, die aber in erster Instanz kein sprachliches, sondern ein Entwurfsmittel ist, oder auch das World Wide Web, das zwar Textbasiert ist (was den Großteil seiner Flexibilität ausmacht), aber zu dessen Textstruktur (die man noch nicht mit allen Konsequenzen realisiert hat) man bloß zufällig gekommen ist.

Beispiel 2: Ein Vordenker der Informatik wie Ted Nelson schlug bis in den achzigern Jahren hinein eine neue Textstruktur (von ihm Hypertext genannt) vor. Und was macht heute er selbst? Er spricht nicht mehr von literarischen Maschinen, sondern beschäftigt sich mit abstrakten Datenstrukturen, die nicht in erster Linie von Menschen nachvollziehbar sind, sondern sich nur als nüztlich erweisen sollen.

Gerade die Tatsache, dass Pionere wie Wirth und Nelson, für die vor 30 Jahren die Sprache als das Zentrum seiner Untersuchungen galt, mit den Jahren die Sprache an sich aus den Augen verloren haben, verdeutlicht, dass die Welt überhaupt in den letzten Zeiten, was das Sprachbewusstsein angeht, viele Rückschritte gemacht hat.

Das Leben, ein Traum

Geschrieben am 07.05.06 #

Zählst du zu denen, die was sie tun zu wissen glauben? So bist du, mein lieber, ein süßer Träumer! Glaubst du aber nicht zu wissen, was du tust? So bist du, mein Freund, ein fader Träumer! Was wir alles sehen, hören, anfassen, riechen und fühlen, das erfahren wir in uns selbst. Dass alles ein Traum ist, heißt jedoch auch, dass es ein Erwachen geben kann. Nicht umsonst sind Begriffe wie Erleuchtung im Buddhismus oder Offenbarung im Christianismus tief eingewurzelt, nicht umsonst hat Plato das Höhlengleichnis aufgestellt und Hegel vom abstrakten Denken der Ungebildeten gesprochen. Wir sind alle Träumer, nur stehen wir alle nicht gleich tief im Schlaf versunken!

Philosophie und Wissenschaft

Geschrieben am 01.05.06 #

Eins der größten Irrtümer unserer Zeit besteht in der Unfähigkeit, Philosophie und Wissenschaft deutlich auseinander zu halten. Die akademische Philosophie will nicht auf Wissenschaftlichkeit verzichten und die Wissenschaft glaubt, die Welt zu verstehen. Diese Verwechselung von Erkenntnissen mit Vorstellungen wirkt sich negativ auf alles auf: das Fachwissen wird ideologisch und die Ideen verarmen.

Doch es ist kein Mangel der Ideen, nicht wissenschaftlich begründbar zu sein, und es ist auch kein Mangel der Theorie, die Ideen im Grunde nicht beurteilen zu können. Das menschliche Wissen besteht nicht ausschließlich aus Ideen oder nur aus Theorien, schon gar nicht aus deren Vermischung in einem grauen Einerlei, sondern das Wissen entsteht aus dem Zusammenwirken von Ideen und Theorien. Die Theorie steuert die Rationalität bei, die Ideen steuern den Sinn bei, und aus deren Zusammenspiel entsteht das Verstehen. Die Philosophie wissenschaftlich und die Wissenschaft philosophisch machen zu wollen, ist der völlig falsche Ansatz. Wir sollten sie so viel wie möglich getrennt betreiben. Wir sollten auf der einen Seite frei von rationalen Begründungen denken können, so weit uns die Intuition bringt, und auf der anderen Seite auf jede Interpretation grundsätzlich verzichten und die Theorien rein objektiv prüfen und erweitern. Das Zusammspiel der zwei Beine bringt uns beim Gehen voran, nicht das Festhacken an einer Stellung. So würde uns das Zusammenspiel von Philosophie und Wissenschaft viel weiter voran bringen als das gegenwärtige selbstwidersprüchliche Einerlei.

Ach Du, liebe Zeit(-messung)!

Geschrieben am 01.05.06 #

Was misst man, wenn man die Zeit misst? Der Zeitmessung liegt das Phänomen der Gleichzeitigkeitswahrnehmung unter. Weil ich zwei Geschehnisse als gleichzeitig wahrnehmen kann, kann ich das eine (die Uhr) als Referenz nehmen und alles andere auf sie beziehen. Der Kreislauf der Erde um sich selbst und um die Sonne verläuft (so sagt man) regelmäßig, und das befähigt dies, als Uhr zu fungieren. Die Zeitmessung ist merkwürdigerweise Grundverschieden von jeder anderen Messung. Die Messung im Raum (sei es ein-, zwei- oder dreidimensional) beruht auf dem Vergleich zwischen einem Muster und dem zu messenden Objekt. Man nimmt z. B. einen Stab und nennt ihn Meter. Man misst einen Tisch, indem man ihn der Länge nach mit dem Maß-Stab vergleicht, und sagt: der Tisch ist 2 Meter lang. So auch mit einem Liter (Flüssigkeit in einem Gefäß) oder einem Kilogramm (Gewicht auf einer Waage). Aber was ist mit der Zeit? Hier ist es nicht so, dass man ein bestimmtes Geschehnis etwa als 1 Sekunde tauft und alle anderen Verläufe damit vergleicht. Denn die nächste Sekunde ist nicht noch einmal die erste, sondern sie ist eine andere Sekunde. Zwei Meter gleichen zwei Mal ein und demselben Meter-Stab. Zwei Sekunden hingegen gleichen nicht zwei Mal ein und derselben Sekunde, sondern sie gleichen zwei verschiedene Sekunden, die unmittelbar hintereinander verlaufen. Doch was macht die erste Sekunde der zweiten gleich? Man sagt: der Lauf der Erde um sich selbst ist regelmäßig. Der erste Tag gleicht dem zweiten. Aber woran besteht eigentlich die Regelmäßigkeit? Aber gibt es eine richtige Regelmäßigkeit oder nur unseren Eindruck davon? Es geschehen viele Dinge, einige davon scheinen uns synchron zu verlaufen, und diese nennen wir regelmäßig. Und sonst?

Grundbegriff: Der Text (1. Natürliche Sprachen)

Geschrieben am 26.04.06 #

Um zur Definition des Textes zu kommen, schauen wir uns zunächst die natürliche Sprache an. Denn auch wenn es nicht sofort klar ist, was ein Text genau ist, ist es offensichtlich, dass die Texte viel mit der Sprache zu tun haben. Dabei liegt unser Augenmerk auf das, was den Text objektiv ausmacht, im Gegensatz zu der Art und Weise, wie wir ihn beim Reden, Lesen und Schreiben erleben. Unsere Frage lautet also: Was macht den Text als solchen aus? Was ist da, wenn wir vor einem Text stehen?

Wenn wir vor einem Schriftstück stehen, gibt es da zunächst graphische Zeichen in Zeilen oder Spalten angeordnet. Dass aber ein Text kein Bild ist, leuchtet sofort ein, wenn man bedenkt, dass jeder kompetenter Sprecher den Text vorlesen kann, und dass jeder auch einsehen wird, dass verschriftliche und gesprochene Sprache hier identisch sind. Offensichtlich ist also ein Text keine materielle Realität und wir Menschen nehmen ihn daher nicht unmittelbar mit den Sinnesorganen wahr. Wahrnehmen können wir eine Textdarstellung, aber nicht den Text an sich.

Wenn die Sinnesorgane also ausgeschlossen sind, bleibt nur eins übrig, durch das die Texte wahrgenommen werden könnten, nämlich den Verstand. Wir sehen oder hören, dass ein Text da ist, dann, und nur dann, wenn wir ihn verstehen. Nur durch den Verstand können wir sicherstellen, dass die Zeichenfolge „hallo!” auf einem Blatt Papier dasselbe darstellt wie das von jemandem ausgesprochenen Wort „hallo!”.

Aber was ist wirklich da, wenn auf das Blatt „hallo!” steht oder wenn jemand „hallo!” sagt? Was verstehen wir? Nicht vergessen, dass wir nicht nach unserem Erlebnis fragen, sondern nach dem, was objektiv da ist. Sicher kann ich gewisse Gefühle empfinden, wenn ich ein „hallo!” höre. Sicher könnte auch etwa „hallo!” ein Zeichen einer Geheimsprache sein, das eine bestimmte Reaktion auslösen soll. Doch all dieses, das wir mit der Sprache assoziieren, hat mit dem Text an sich überhaupt nichts zu tun und gehört daher nicht zu einer fundamentalen Linguistik, wie wir sie hier betreiben möchten.

Dass dies mit dem Text an sich nichts zu tun hat, lässt sicht mit einem kleinen Beispiel verdeutlichen. Nehmen wir: „Hallo heißt Glückwünsch. Hallo!” oder „Hallo heißt: Zur Hölle. Hallo!” Alles, was sprachlich mit „hallo!” zu tun hat, muss sowohl für den letzten Absatz wie für diesen gelten (denn sonst sprechen wir nicht von „hallo!” allein, sondern von etwas anderem). Was wir erleben ist natürlich etwas ganz anderes je nach Zusammenhang, das kann also nicht da sein und ist nicht dem Zeichen angeheftet, sondern ist von ihm deutlich zu trennen.

Was lässt sich nun von der Sprache aussagen, das immer unbedingt gültig ist, ganz abgesehen von dem Zusammenhang? Wir werden hier keine Entdeckung machen, denn dies kennt man mindestens seit der Antike (schon die Griechen haben eine Grammatik hervorgebracht). Was da ist, sind Wörter, die in verschiedenen (gebeugten) Wortformen zu Sätzen aneinander gereiht werden, Sätze, deren Folge Absätze, Abschnitte, Kapitel usw. bilden, und so fort.

Was ist also da, im Satz „ich bin müde”? Da steht, dass der Subjekt sich selbst in der Gegenwart den Zustand zuschreibt, „müde” zu sein. Was hier „müde”-Sein genau bedeutet, ja von wem die Rede überhaupt ist, das steht nicht im Satz selbst. Wenn wir es aufklären wollen, müssen wir nicht im Text an sich, sondern woanders suchen. Und je nach Umstände wird derselbe Satz zu sehr verschiedenen Zuständen, Subjekten und Zeitpunkten passen. Was konstant bleibt und außerdem von jedem kompetenten Sprecher sofort und zweifellos erkannt wird (dass jemand sich gegenwärtig „müde”-Sein zuschreibt), das nennen wir den Text.

Der gordische Knoten der akademischen Philosophie

Geschrieben am 23.04.06 #

Es kann doch nicht so schwer sein, den gordischen Knoten der akademischen Philosophie zu lösen. Die philosophische Fakultät gleicht einem, der mit gebundenen Beinen zu gehen versuchte. Die Gretschenfrage: Ist dieser Betrieb nun ein wissenschaftlicher? Lautet die Antwort: Ja, so bitteschön das Untersuchungsfeld bestimmen und alle Teilnehmer zusammenarbeiten. Lautet die Antwort: Nein, so bitteschön auf den Namen der Wissenschaft ausdrücklich, unzweideutig verzichten und den angemessenen Rahmen für die Tätigkeit entstehen lassen. Was keineswegs weiter geht, ist der aktuelle Zustand. Man ist seit mindestens einhundert Jahren nicht in der Lage, auf Wissenschaftlichkeit zu verzichten, aber auch nicht imstande, eine Wissenschaft aufzubauen. Es ist schon lächerlich, dass eine Disziplin, die die höchsten Ansprüchen über Alles erhebt, nicht einmal in der Lage ist, sich selbst zu organisieren. Die philosophische Fakultät steht heute als Überbleibsel der mittelalterlichen Epoche da, ohne sich auf die aktuellen, ganz anderen wissenschaftlichen Umstände angepasst zu haben. Denn neben einer Theologischen, einer Medizinischen und einer Juristischen Fakultät hatte im Mittelalter eine Philosophische Fakultät als wissenschaftliche Fakultät überhaupt durchaus einen Sinn. Aber neben den vielen natur- und geisteswissenschaftlichen Fakultäten, die es heute gibt, ist es auf Anhieb überhaupt nicht ersichtlich, was für eine Rolle eine philosophische Fakultät spielen soll. Früher hat man in der philosophischen Fakultät alle Wissenschaften gepflegt — und nebenbei philosophiert. Das ist sinnvoll. Aber es ist alles anderes als sinnvoll, sich mit keiner Wissenschaft zu beschäftigen, aber trotzdem über alles philosophieren zu wollen.

Du, mein Zeitgenosse

Geschrieben am 23.04.06 #

Siehst Du das auch so, mein lieber Zeitgenosse? Hast Du auch den Eindruck, dass wir heute dummer sind als vor zweihundert Jahren? Hast Du auch etwa Spaß daran, in alten Wörterbüchern wie dem Adelung lange herumzustöbern, und stellst Du auch später mit den aktuellen Wörterbüchern enttäuscht fest, dass wir uns heute zwar viel um genaue Wortbestimmungen kümmern aber den Sinn für die Zusammenhänge völlig aus den Augen verloren haben? Erregen auch bei Dir Ekel manche öffentlichen Äußerungen von so genannten Wissenschaftlern, die an die Scholle seines Faches gebunden sind und sich überhaupt nicht orientieren können? Fallen Dir auch ständig dumme Vorurteile von so genannten Intellektuellen, in denen um 1800 gar kein Gebildete mehr hineingefallen wäre, auf? Bist Du auch der Meinung, in der Gegenwart pflegt man keinen Geist mehr, und die Diskussionen sind entweder bloß sachlich oder der reinste Quatsch? Ergreift Dich auch ein Schauder beim Anblick des unaufhaltsamen Austrocknens der europäischen Hochkultur?

Und gehörst Du, so wie ich auch, nicht mehr der traditionellen Welt an, aber findest Deinen Ort nicht in der gegenwärtigen?

Was ist eigentlich ein Text?

Geschrieben am 23.04.06 #

Was ist das, der Text? Das Wort Text erhält eine Vielfalt von Bedeutungen. Seit jeher ist von dem Text eines Liedes oder eines Theaterstückes die Rede als dessen rein sprachlichen Teilaspekt. Man spricht vom Text auch als dem Gegenstand der Philologie: einem überlieferten Schriftstück. Die Linguistik verallgemeinert diesen Begriff und fasst den Text überhaupt als sprachliche Produktion auf. Die Informatik stellt Textverarbeitungsprogramme als elektronische Schreibmaschinen zur Verfügung und definiert den so genannten Hypertext als ein mit gewissen Navigationsfunktionen versehenes elektronisches Schriftstück. In Recht, Religion und Geisteswissenschaften stellt man den Gegensatz zwischen dem Text und dessen Geist fest.

Da drängt sich die Frage auf, was eigentlich ein Text ist. Lässt sich der Text auf fundamentalwissenschaftlicher Weise definieren? Gibt es etwas mit gewissen, genau spezifizierten Merkmalen, das wir den Text überhaupt nennen könnten? Ist der Text real? Mit anderen Worten: Gibt es in der Welt Texte, so wie es auch Bäume und Autos gibt? Oder ist das Wort Text ein zwar teilweise nützlicher aber nicht objektiv, einheitlich und eindeutig zu bestimmender Sammelbegriff? Ich stelle die These auf: Ja, die Texte gibt es, und zwar nicht in uns, sondern außer uns. Der Text ist nicht nur wirklich, sondern sogar Grundlage aller anderen Wirklichkeit.

Startseite | Kontakt


Blog

Einträge

Letzte Änderung am 09.01.17

Copyright © 2001-2017 Francesc Hervada-Sala. Alle Rechte vorbehalten.

oben | Startseite | Kontakt