Blogarchiv 2005-

Blogeinträge, die Francesc Hervada-Sala vor 2005 erstellte.

Gott, gut

Geschrieben am 29.09.04 #

Ja, Gott, gut, aber: was ist schon Gott? Bloß ein Wort, ein Zeichen, das wir über unserer Haustür zeichnen. Warum machen alle Gläubigen so, als hätten sie miteinander etwas gemeinsam, nur weil sie ein Zeichen gemeinsam haben? Stellen sie sich doch nicht alle etwas Ähnliches unter dem Wort Gott vor. Warum machen alle Nicht-Gläubigen so, als hätten sie miteinander etwas gemeinsam, nur weil sie alle einen gewissen Satz verneinen? Wozu missionieren? Warum unbedingt wollen, dass jemand anderes ein bestimmtes Zeichen benutzt, also einer Äußerlichkeit entspricht? Wozu Atheismus? Warum wollen, dass jemand anders ein bestimmtes Zeichen unbedingt vermeidet?

Linguistische Grundbegriffe

Geschrieben am 06.08.04 #

Linguistische Reduktion

Durch die linguistische Reduktion lässt sich ein linguistisches Phänomen auf ihre linguistische Bestandteile zurückführen. Beispiel: Die Syntaxanalyse eines gerade gehörten Satzes. Ein linguistisches Phänomen ist materiell (hörbar oder sichtbar, etc.) und gegenwärtig (anwesend, nicht im Gedächtnis o. ä.). Linguistische Phänomene sind: das hier vorliegende Buch, das gerade gesungene Lied, das hier aufgeführte Theaterstück. Die linguistische Reduktion ist ein theoretisches Werkzeug, dessen Ergebnis ein irgendwie aufgezeichneter symbolischer Ausdruck ist. Verschiedene, in verschiedenen Augenblicken oder von verschiedenen Menschen durchgeführte linguistische Reduktionen von demselben Phänomen ergeben ein und denselben symbolischen Ausdruck. Beispielsweise kann die linguistische Reduktion der gestrigen Ausgabe der Tagesschau zu unterschiedlichen Zeiten von unterschiedlichen Menschen gemacht werden, führt aber immer zu demselben Ausdruck, und zwar den, der alle Sätze der Sendung in der richtigen Folge wiedergibt, der die Verteilung nach Sprechern berücksichtigt, usw. Bemerkenswert hier ist, dass die linguistische Reduktion die Aussprache, die Bilder usw. vollkommen ignoriert. Sie beschränkt sich auf das Linguistisch-Symbolische.

Partikulärer Text

Ein partikulärer Text ist ein symbolischer Ausdruck als Ergebnis einer linguistischen Reduktion. Beispiel: Das Ergebnis der linguistischen Reduktion der Erstausgabe der KrV. Wichtig ist hier, dass das ursprüngliche Phänomen (die wirklichen Begebenheiten) dem partikulären Text anhaftet. Wenn ich jetzt „hallo!” sage, und Sie gestern auch mal „hallo!” gesagt haben, haben wir zwei partikuläre Texte, die zwar symbolisch identisch sind, sich aber im Entstehungszusammenhang unterscheiden und sind daher linguistisch ungleich. Bei der KrV ist ein einzelner partikulärer Text nicht ein Einzelstück, sondern eine Ausgabe. Denn alle Exemplare einer Auflage sind nicht nur symbolisch gleich, sie haben auch den Entstehungszusammenhang gemeinsam. Verschiedene Ausgaben der KrV sind verschiedene partikuläre Texte.

Generischer Text

Ein generischer Text entsteht aus einem partikulären Text, wenn man den Entstehungszusammenhang entfernt. Er ist also das Symbolische in einem linguistischen Ausdruck ohne jeglichen Bezug zur Wirklichkeit. Es gibt also einen einzigen generischen Text „hallo!”, der sich aus den beiden oben erwähnten partikulären „hallo!”-Texten ergibt.

Begriffshierarchie

Die hier definierten Grundbegriffe steigen aus den real gegebenen Phänomenen bis zum Text überhaupt empor. Die Reihenfolge der Definition (Phänomen, Reduktion, partikulärer Text, generischer Text) ist nicht zufällig: Jeder Begriff stellt eine Abstraktion seines Vorgängers dar. Eine Aussage über einen Begriff kann nur dann für wahr gehalten werden, wenn sie für alle seinen Konkretionen gilt. Wenn man etwas über den generischen Text „hallo!” behauptet, behauptet er gleichzeitig etwas über unendlich vielen partikulären „hallo!”-Texten, auf jeden einzelnen von welchen das Besagte zutreffen muss. Wiederum lässt sich eine Aussage über einen partikulären Text nur dadurch beweisen, dass man sie für jede passende linguistische Reduktion beweist.

Texthierarchie

Nicht nur unter den Begriffen besteht eine Abstraktionshierarchie, sondern auch unter den Einzelfällen von partikulären und generischen Texten. Es gibt zum Beispiel in Bezug auf die KrV diese partikuläre Texte: Erstausgabe, Ausgabe letzter Hand, die von XY herausgegebene Ausgabe, jene Übersetzung, usw. Es liegt nahe, den partikulären Text KrV (überhaupt) als Oberbegriff einzuführen. Wir reden immer noch über einen partikulären, keinen generischen Text (denn wir meinen das von Kant verfasste Werk und nicht etwas bloß Symbolisches), doch auf einer höheren Abstraktionsstufe. Wie in der Begriffshierarchie gilt in der Texthierarchie eine Behauptung nur dann für den Oberbegriff, wenn sie für alle seine Unterbegriffe auch gilt.

Philosophische Ideen verstehen und kritisieren

Geschrieben am 05.08.04 #

Dass der Satz des Widerspruchs nur für die Sprache und nicht für die Ideen gilt (s. Post Wahrheit der Sprache vs. der Ideen), ist eine folgenreiche These.

Damit wird spätestens jetzt deutlich, dass es zwecklos ist, ein philosophisches Werk zu kritisieren. Hier eine Lücke, gar einen Widerspruch in der Argumentation, da einen unzureichend bestimmten Begriff etc. zu finden, ist etwas, das es ausschließlich mit Formalien zu tun hat. Von einer sprachlichen Formel kann man natürlich logische Konsistenz verlangen. Von einer Idee nicht, und zwar deshalb, weil dies schlicht unmöglich ist. Wir können uns klar mit einer solchen Spielerei unterhalten, doch dadurch wird die philosophische Idee als solche überhaupt nicht berührt, sondern ignoriert.

Interessant ist auch die Auswirkung der These auf das Verstehen. Denn mit ihr wird offenkundig, dass eine philosophische Idee zu verstehen, nur darin bestehen kann, sie als wahr aufzufassen. Denn eine kritische Stellung ist unbedingt auch eine kreative: Eine Idee A für verkehrt zu halten, setzt eine Idee B voraus, die auf A Bezug nimmt und für falsch erklärt. Die Bezugnahme kann aber nur als Interpretation erfolgen, also ist B unbedingt eine kreative Idee. Eine Idee A für wahr zu halten, setzt hingegen gar keine B voraus.

Zusammenfassend also lassen sich die philosophischen Werke nur dadurch verstehen, dass man ihre Wahrheit nachvollzieht. Keine Kritik oder Ablehnung wird je Verständnis des Werks bezeugen können, da dies kreative Tätigkeiten sind, die das Werk selbst nicht anfassen, sondern nur bestenfalls neben ihm etwas Neues hinzufügen.

Sinn der Sprache

Geschrieben am 27.07.04 #

Indem man unbedachterweise von dem Sinn der Sprache redet, als hätte ein Satz oder ein Text überhaupt so etwas wie eine Bedeutung, fällt man mit der Tür ins Haus. Es handelt sich um einen Irrtum, der mindestens in zweierlei Hinsicht verkehrt ist.

1. Normatives für Deskriptives halten

Wenn man davon ausgeht, jeder Satz habe eine Bedeutung, nimmt man im Grunde Folgendes an: jeder Satz hat eine richtige Bedeutung. Denn jeder weiß, dass man Sprache missverstehen kann. Jeder Satz kann falsch aufgefasst werden, also hat jeder Satz mehr als einen möglichen Sinn. Aber das Urteilen darüber, ob ein Sinn nun richtig oder falsch ist, ist alles andere als eine triviale Angelegenheit und hängt grundsätzlich davon ab, worauf wir eigentlich aus sind: Ein und dieselbe Auslegung eines Satzes oder Textes kann je nach dem, worauf wir hinaus wollen, angemessen oder verkehrt sein. Die Richtigkeit der Sprache ist also etwas, das außerhalb der Sprache liegt. Der Begriff der richtigen Bedeutung eines Satzes gehört nicht zu einer deskriptiven Linguistik. Redet man über Sinn der Sprache, ist man unbedingt ins Normative gelangen. (Ein deskriptives Bedeutungswörterbuch im strengen Sinne kann es nicht geben. Man muss unbedingt darüber entscheiden, ob in einem gegebenen Fall man das Wort richtig oder falsch eingesetzt hat, was letztendlich eine Frage des Stils ist. Man nennt in der Praxis ein Wörterbuch dann deskriptiv, wenn man nur in ganz eindeutigen Fällen normativ agiert. Ein solches Kriterium mag für den Alltag ausreichen, für die Wissenschaft natürlich nicht.)

2. Der reale Bezug der Sprache übersehen

Jeder Satz bzw. Text hat historisch unendlich viele Bedeutungen bekommen, und zwar abhängig davon, in welcher realen Situation er eingesetzt wurde. Das, was wir sprechend be-deuten, worauf wir hinweisen, ist kein Hirngespinst, sondern etwas verdammt Reales. Was wir beschreiben, beurteilen oder wünschen ist ein Wirkliches, das sich nicht aus der Sprache selbst, sondern aus der Welt ergibt. Der Sinn der Sprache ist nichts Sprachliches: Die Physikerin macht redend Physik, der Dichter redend dichtet, der auskunftgebende Fußgänger redend informiert, die Politikerin macht redend Politik, der Richter übt redend Rechtsprechung aus. Nicht: Weil ich (überhaupt) Deutsch kann, kann ich einen (beliebigen) deutschen Satz verstehen. Das ist Unfug. Sondern: Weil ich die Physik kenne, kann ich einen physikalischen Satz verstehen. Weil ich mich in der Politik auskenne, kann ich einen politischen Satz verstehen. Und so weiter.

Fazit: Die Annahme, Sprache habe Sinn, ist eine reine Abstraktion, die sich nicht erfolgreich konkretisieren lässt. Eine solche Annahme taugt für die Wissenschaft überhaupt nichts.

Wahrheit ohne Sinn

Geschrieben am 25.07.04 #

In der Sprache selbst gibt es eine Wahrheit, allerdings eine ohne einen Sinn.

Damit meinen wir nicht, man könne Sprache nicht verstehen. Natürlich kann man Sprache verstehen, sicher ergibt sie Sinn, nur: Das macht die ideenmäßige, nicht die sprachliche Wahrheit aus. Die Wahrheit der Sprache können wir Menschen nur dadurch feststellen, dass wir sie erfolgreich einsetzen. Sprache ist insofern wahr, als sie funktioniert.

Gibt es nun Belege für diese These? Ja. Schauen wir uns die Wissenschaft mal an. Wo gibt es da denn Fortschritt? Etwa: bei der Physik. Und: wie diskutiert man innerhalb der Physik, wie akzeptiert man eine neue Theorie? Da geht es nicht darum, eine Theorie zu verstehen, sondern: sie muss erfolgreich sein. Dass sie zunächst dem Einzelnen mehr oder minder glaubwürdig erscheint, spielt im physikwissenschaftlichen Unternehmen keine Rolle. Die Theorie muss Tatsachen erklären, oder andere, gut gesicherte Theorien stützen, usw. Wo gibt es hingegen kaum Fortschritt? Etwa: bei den Geisteswissenschaften. Hier versucht man, vor allem alles zu verstehen. Hier spielt der Sinn eine große Rolle. Gerade das hat zur Folge, dass keine Einheit herrscht. Die Sprache der Geisteswissenschaften ist der sprachlichen Wahrheit noch weit entfernt. Und die wissenschaftliche Wahrheit ist eben allein die sprachliche.

Eine Randbemerkung: Der Physiker, wie der Geisteswissenschaftler auch, versucht eventuell die Theorien zu verstehen. Menschen gehen nun mal mit der Sprache so um. Und das ist auch gut so. Das ist aber eine rein subjektive (wenn man will: kulturelle) Angelegenheit. Diese Tatsache muss nicht darüber hinweg täuschen, dass der wissenschaftliche Fortschritt einer Theorie nicht darin besteht, sinnmäßig für wahr gehalten zu werden, sondern, im sprachlichen Ganzen der wissenschaftlichen Kenntnisse erfolgreich (d. h. konsequent und fruchtbar) integriert worden zu sein.

Noch eine Bemerkung: Wenn man geglaubt hat, den Unterschied zwischen den Natur- und den Geisteswissenschaften darin zu sehen, dass die ersten das Erklären und die zweiten das Verstehen suchten, hat man die tatsächliche Arbeit der Wissenschaftler sehr richtig gedeutet. Man hat nur daraus die falsche Folgerung gezogen. Denn es stimmt zwar, dass die Geisteswissenschaftler dazu neigen, die Theorien nach deren Sinn zu beurteilen, doch gerade diese Neigung gilt es in der Wissenschaft auszutilgen.

Die Textflussebenen

Geschrieben am 21.07.04 #

Wir möchten einen Schritt weiter auf der Suche nach der allgemeinen Textstruktur gehen, indem wir den Begriff der Textflussebene einführen.

Nahe liegend ist die Unterscheidung in einem Text zwischen den Überschriften und der fließenden Rede. Man könnte da von der Textgliederung bzw. dem Textfluss sprechen.

Nicht nur die Gliederung, sondern auch der Textfluss kann eine hierarchische Ordnung aufweisen. Es gibt einige Möglichkeiten:

1. Unterordnung innerhalb eines Satzes. Zur Abgrenzung des eingeschobenen Satzes oder Satzteiles benutzt man Klammer oder Gedankenstriche.

2. Unterordnung zwischen zwei Sätzen. Entweder in Klammern oder als Fußnote. Das Eingeschobene kann (im Unterschied zu 1.) aus mehreren Sätzen bestehen. Bei der Fußnote kann es sich sogar um mehrere Absätze handeln.

3. Unterordnung hinter einem Absatz oder einer Überschrift. In der Regel als Fußnote. Eine andere Möglichkeit ist, den eingeschobenen Text in kleinerer Schrift zu setzen. Man kann aber auch die Unterebene völlig getrennt von der Hauptebene darstellen, etwa als Anhang in einem Buch oder in verschiedenen Webseiten, mit oder ohne ausdrücklichen Verweis.

Obwohl es sich bei Klammern, doppelten Gedankenstrichen, Fußnoten und Kennzeichnung durch Schriftarten um graphisch sehr verschiedene Darstellungen handelt, lassen sie sich logisch auf dasselbe zurückführen, nämlich auf eine untergeordnete Ebene des Textflusses. Natürlich ist die Zahl der Textflussebenen nicht auf zwei beschränkt, es kann viele geben.

Dieser Begriff der Textflussebene ist formal, er hat nichts mit dem Inhalt der Rede zu tun. Er ist auch objektiv, denn die Ebenen eines bestimmten Textes ergeben sich automatisch aus der Textdarstellung (keine Ansichtssache).

So weit ist die Textstruktur aber nicht vollständig analysiert. Neben Textgliederung und Textflussebenen gibt es auch Aufzählungen und Tafeln. (Es kommt noch.)

Digitale Textverarbeitung

Geschrieben am 11.07.04 #

Die Zahl der elektronischen Textausgaben nimmt allmählich zu, im Internet sowohl als auf CD-ROM, es scheint jedoch alles ausschließlich in eine Richtung zu laufen, die die Möglichkeiten der digitalen Textverarbeitung bei Weitem nicht erschöpft.

Faksimile

Eine bildliche Wiedergabe der einzelnen Seiten einer alten Textausgabe ist gewiss historisch wertvoll, doch dies kann man kaum eine elektronische Textausgabe nennen, denn sie gibt keinen Zugang zum Text als solchem — weder zu den Wörtern, noch zu der Textgliederung. Man kann diese rein äußerliche Darstellung etwas ausbauen durch Datenbankmäßigen Speichern der Textgliederung und von Stichwörtern.

Volltextsuche

Die so genannte Volltextsuche geht einen Schritt weiter, indem sie den Text als Zeichenkette verarbeitet. So kann man nach verschiedenen Buchstabenreihen suchen. Die mächtigsten Versionen erlauben die Suche nach regulären Ausdrücken und erkennen syntaktisch einzelne Wörter.

Sprachbewusste Text-Engine

Über die Grenze der Buchstaben hinaus geht jedoch heute keine elektronische Textausgabe. Und doch ist der Buchstabe als graphisches Zeichen ein ziemliches Randphänomen, ein äußerlicher Bestandteil der graphischen Darstellung der Sprache. Eine sprachbewusste Text-Engine sollte mit allen sprachlichen Einheiten umgehen können. Die Sprache besteht in viel mehr als bloßen Buchstaben:

Sprache besteht aus Wortformen. So hat man im 19. Jahrhundert „noth” geschrieben, wo man heute „Not” schreibt. Eine sprachbewusste Text-Engine sollte die Wortform unabhängig von deren Schreibung erkennen können.

Sprache besteht aus Wörtern. Es gibt eine sprachliche Einheit „lieben”, die überall da auftritt, wo die Wortformen „liebe”, „liebst”, „liebt”, usw. vorkommen. Eine digitale Textausgabe mit Wort-Bewusstsein würde eine Suche nach dem Wort „lieben” ermöglichen, in welcher Wortform es auch immer erscheint, in welcher Schreibung es auch immer erscheint. Außerdem gibt es zwischen Wörtern Verwandtschaften. So gibt es welche, die sich nur in der grammatikalischen Funktion unterscheiden, wie das Substantiv „Lieben” und das Verb „lieben”. Es gibt darüber hinaus Beziehungen zwischen Wörtern aufgrund der Wortbildung, nämlich bei Ableitungen und Kompositionen („Liebhaber”, „liebenswürdig”,…)

Sprache besteht aus Sätzen, und zwar nicht nur als Reihe von Wörtern, sondern als eine syntaktische Einheit, die eine Baumstruktur bestimmt. Eine sprachbewusste Text-Engine sollte beispielsweise nach „weiß” in Bezug auf „Haus” suchen können und Treffer wie „ein weisses Haus”, „dem weißen, gerade erst erbauten Haus” ausgeben, während alle Vorkommnisse von „weiß”, die nicht „Haus” bestimmen, ignoriert werden.

Die Textstruktur sollte auch berücksichtigt werden. Sätze, Absätze und Textstücke sollten sowohl die Suche an sich als die Ausgabe der Fundstellen begrenzen können. Man sollte etwa nach allen einzelnen Sätzen suchen können, in denen die Wörter „Haus” und „Baum” vorkommen. Oder nach allen einzelnen Absätzen, in denen von „Ingrid” und „Liebe” gesprochen wird. Die Ausgabe der Fundstellen sollte nicht willkürlich geschnitten werden, sondern auf Wunsch aus vollen Sätzen, Absätzen oder gar Textstücken bestehen.

Man sieht ja, dass wir mit den gegenwärtigen Volltextausgaben nur die Oberfläche dessen gekratzt haben, was eine sprachbewusste Text-Engine werden kann.

S. dazu das Korpus auf meiner Website www.philosophisches-lesen.de.

Universale Textstelle

Geschrieben am 10.07.04 #

Versuchen wir einmal, eine Methode zur Angabe von Textstellen zu definieren, die eine Stelle innerhalb eines Textes eindeutig bestimmt unabhängig von Medium (Buch, WWW, etc.), von der Größe der Seiten und der Schriftart, usw.

Textstück

Ein Textstück ist eine Reihe von unmittelbar aufeinanderfolgenden Absätzen. Es besteht nur aus Absätzen, hat keine Struktur und keine Überschriften.

Ein Text wird in Textstücke geteilt, und zwar so, dass jedes Textstück maximal ist (es gibt keine Absätze unmittelbar vor oder nach dem Textstück). Eine Überschrift bestimmt den Anfang eines Textstückes. Es kann aber auch Textstücke ohne Überschriften geben.

Die Textstücke eines Textes werden durchnummeriert. So nennt man das erste Textstück 1#, das zweite 2#, das dritte 3# und so fort. Die Angabe des Textstückes erfolgt auf dieser Weise.

Absatz, Satz, Wort

Innerhalb eines Textstückes werden die Absätze durchnummeriert. Der erste Absatz ist #1, der zweite #2, usf.

Innerhalb der Absätze werden Sätze, innerhalb der Sätze Wörter durchnummeriert. So bestimmt #1.2 der zweite Satz des ersten Absatzes, und 5#2.3.4 das vierte Wort des dritten Satzes des zweiten Absatzes des fünften Textstückes.

Textstrecke

Die Angabe einer Textstrecke die nicht mit ganzen Wörtern, Sätzen, Absätzen oder Textstücken übereinstimmt, erfolgt durch das Zeichen -. So sind die ersten zwei Sätze des ersten Absatzes #1.1-2, die ersten drei Textstücken 1-3#, usf.

Wenn der Text eine natürliche Ordnung der Textstücke aufweist, so werden die Textstücke danach durchnummeriert, und die Universale Textstelle ergibt sich automatisch aus dem Text allein — da die Folge von Absätzen, Sätzen und Wörter immer fest ist —. Sollte der Text keine Folge von Textstücken bestimmen, so müsste für die Universale Textstelle eine Nummerierung willkürlich festgesetzt werden.

Seitenangabe bei Zitaten

Geschrieben am 09.07.04 #

Bei Zitaten die Ortsangabe als Ausgabe und Seitenzahl anzugeben, so einfach und verbreitet es auch sein mag, ist eigentlich unwissenschaftlich. Um welche Fassung des Textes es sich handelt, ist natürlich relevant, aber Eigenschaften wie Verlag, Jahr oder Stadt der Veröffentlichung bleiben der Sache äußerlich.

Die Seitenzahl ist auch eine Äußerlichkeit und sie schwankt bekanntlich unter verschiedenen Auflagen des inhaltlich gleichen Textes. Der Aufwand, den man betreiben muss, weil in verschiedenen Ausgaben dieselben Stellen in verschiedenen Seiten auftreten — von Verzeichnen von mehreren Nummerierungen in Ausgaben über Konkordanzlisten bis zum Zeitaufwand des Einzelnen —, ist beträchtlich.

Zu den Nachteilen der üblichen Art des Zitierens kommt noch, dass sie auf das Medium Buch fest gebunden ist. So zitiert man im Internet nach anderer Art. Treten in Zukunft neue Medien auf, so muss jeweils eine neue Nummerierungsform her.

Die Wissenschaft sollte über ein standardisiertes System der Stellenangabe verfügen, das allein vom Text als solchem abhängt (also: von der Textfassung) und unabhängig ist von allen dem Text selbst äußerlichen Umständen.

Philosophische Fakultät

Geschrieben am 05.07.04 #

Alle Geisteswissenschaften sind durch methodologische Probleme durchdrungen, doch am schlimmsten ist es bei der Philosophie. Denn hier liegt die Schwierigkeit nicht daran, eine einheitliche und fruchtbare Methode zu finden, sondern erst einmal zu bestimmen, worum es überhaupt geht. Es kann viele Ansätze geben, wie man die Historie betreiben soll, im Großen und Ganzen aber ist es schon ziemlich klar, dass es irgendwie um das Leben der Menschen in früheren Zeiten geht. So mag es in der Sprachwissenschaft verschiedene Gesinnungen geben und man kann die kulturellen oder die strukturellen Aspekten in Vordergrund stellen, unbestritten bleibt jedoch, dass es da irgendwie um die menschliche Fähigkeit der Sprache geht.

Wenn man sich die philosophische Fakultät anschaut hingegen, findet man überhaupt keinen gemeinsamen Zweck. Worum geht es hier eigentlich, um bestimmte historische Autoren? um bestimmte Themen? um bestimmte Probleme?

Unterschied zwischen Wissenschaft und Philosophie

Geschrieben am 31.08.03 #

Die Sätze der Wissenschaft sind für sich allein zu beurteilen, ganz unabhängig vom Urheber. Nicht so in der Philosophie, da sind die bloßen Sätze gar nichts. Das rührt daher, dass das Wissenschaftliche der Text ist, während das Philosophische die Ideen sind.

Mathematische Evidenz

Geschrieben am 04.05.03 #

Die Mathematiker machen sich häufig merkwürdigerweise keine Gedanken darüber, was Evidenz ist. Und doch stellt die Evidenz die Grenze ihrer Untersuchungen dar. Wo das Evidente sich offenbart, da hören sie auf, Beweise zu suchen. Wenigen scheint es aufzufallen, dass das längst nicht für jeden Mitmenschen evident ist, sondern nur für die Mathematiker selbst. Und wer sind die Mathematiker? Wohlgemerkt genau diejenigen, für die dies evident ist. Na also, soll das nun heißen, dass das mathematisch Bewiesene nichts anderes ist als das, was jene Leute, die es evident finden, evident finden? Das Phänomen kommt übrigens in allen Fach- und Sachbereichen vor. Das, was evident ist, wird von den jeweils Eingeweihten bestimmt. Fazit: Die ganze Sach- und Fachkenntnis des Homo Sapiens besteht in den Aussagesätzen, die die, die sie evident finden, evident finden.

Auf diese Überlegung bin ich durch die Philosophie Heideggers gestoßen. Der Beginn seines Werkes Sein und Zeit ist unübertreffbar: radikal, kristallklar, viel versprechend und — evident. Man kann das Gelesene nur für wahr halten, jedenfalls für wahrer, als alles, was man zuvor gedacht, gefühlt, gesehen und gelesen hat. Und wenn man gefragt wird, woher diese Anziehungskraft kommt, kann man nichts anderes sagen als das: Schau mal, es ist doch evident!

Eine Karmelitin über Leiden und Sinn des Lebens

Geschrieben am 15.09.02 #

In diesem Glauben beginnt die ganze Bitterkeit des Leidens sich zu wandeln. Denn wer da meint, ein Menschenleben müsse ein Schreiten von Erfolg zu Erfolg sein, der gleicht wohl einem Toren, der kopfschüttelnd an einer Baustelle steht und sich wundert, daß da in die Tiefe gegraben wird, da doch ein Dom entstehen soll. Gott baut sich einen Tempel aus jeder Menschenseele. Bei mir ist Er gerade daran, die Fundamente auszuheben. Meine Aufgabe ist es nur, mich willig Seinen Spatenstichen hinzuhalten.

Aus dem Tagebuch einer Karmelitin, zitiert nach Viktor E. Frankl, Das Leiden am sinnlosen Leben, Freiburg, Basel, Wien, 13. Auflage der Neuausgabe, 2002.

Vorbemerkung zum Organon

Geschrieben am 12.06.02 #

Ein erheblicher Anteil der heute lebenden Menschen leidet unter Hunger. Jeden Tag verursacht Gewalt Tote. Unsere Organisierungsfähigkeit reicht für die Kriegsführung und die ökonomische Ausbeutung, nicht aber für die Durchsetzung von Frieden und Glück auf der Erde. Wir brauchen Mittel, um die Probleme besser durchschauen und lösen zu können. Wir brauchen begriffliche Werkzeuge und Infrastrukturen, die uns erlauben, mit den Ideen genauso gut umzugehen, wie wir bereits mit den Dingen umgehen können. Wir müssen die Kraft des Denkens erhöhen, um die riesigen Herausforderungen, vor denen wir stehen, zu bewältigen. Der Menschheit tut ein Organon not.

Zweck der Begriffe

Geschrieben am 17.12.01 #

Der Streit über Begriffe kommt dadurch zustande, dass man sich nicht darüber im Klaren ist, wozu man diese Begriffe benutzen will. Man streitet darüber, was Sprache sei, was ein Text sei, usw. Jeder will, dass die anderen seinen eigenen Begriff übernehmen. Aber die anderen sind auf etwas anderes aus! Diese Diskussionen sind völlig nutzlos — Es bringt nichts, über Mittel zu diskutieren, wenn man den Zweck miteinander nicht teilt.

Textgrammatik

Geschrieben am 22.11.01 #

Es gibt keine Textgrammatik. Die Grammatik —sei sie das Sprachgefühl des Muttersprachlers oder die sprachwissenschaftliche Theorie— bestimmt, welche Zusammenstellung von Lauten bzw. Buchstaben gültige Wörter und Sätze einer Sprache ergibt. Mit ihr kann man entscheiden, ob ein Ausdruck zur Sprache gehört oder nicht. Bei Texten gibt es demzufolge keine Grammatik, weil es keine Entscheidung zu treffen gibt, ob eine gegebene Zusammenstellung von Abschnitten in einer Sprache gültig ist oder nicht. Die Texttheorie untersucht welche Textgliederungen es tatsächlich gibt. Die, die es nicht gibt, sind nicht etwa falsch, sondern vielleicht nicht nützlich oder noch nicht eingesetzt worden.

Text-Bionik

Geschrieben am 15.11.01 #

Das Einsetzen der Sprache durch das Organon ist eine Art Bionik, eine mächtige begriffliche Ausrüstung durch etwas, das immer schon da ist, etwas Organisches.

Gesprochene vs. Geschriebene Sprache

Geschrieben am 29.10.01 #

Mich wundert immer wieder, wie schlecht die sogenannten Wissenschaftler mit den Grundbegriffen ihrer Wissenschaft umgehen. Heute bin ich noch auf einen angeblich wissenschaftlichen Aufsatz gestoßen, der sich mit den Definitionen der Grundbegiffe schwer macht. Diesmal wird der Text ganz bewusst als verschriftlichte Sprache definiert. Die gesprochene Sprache wäre kein Text sondern noch-nicht-verschriftlicher-Rede, noch-nicht-Text. Unter den Sprachwissenschaftlern herrscht Verwirrung: Gesprochene und geschriebene Sprache fassen sie als zwei Spracharten auf, die grundsätzlich verschiedene Merkmale aufweisen. Die gesprochene Sprache wäre spontan erzeugt, umgangsprachlich, würde einen einfacherer Satzbau benutzen, wäre vergänglich. Die geschriebene wäre gehobene, dichte, komplexe, überlegte. Ich kann kaum glauben, dass diese Auffassung so verbreitet unter den Sprachwissenschaftlern ist. Ob man nicht dazu gekommen ist, der Sprachakt als ein übergeordnetes, symbolisches Phänomen zu begreiffen, das man sowohl verlautet als verschriftet darstellen kann? Die Sprache als langue —im Gegensatz zu parole— fassen sie ja auch als ideel. Der Text lässt sich dann als symbolisch, als rein sprachliche Äußerung auffassen. Man kann also einen Text weder sehen noch hören. Was man sieht ist dessen verschriftliche Darstellung, was man hört dessen verlautete Darstellung. Umgangsprache ist die spontane, lockere Sprache, die man in dem Umgang mit Vertrauten benutzt. Sie weißt bestimmte Merkmale auf: sie ist spontan, sie benutzt einfache syntaktische Strukturen, usw. Das aber sind Merkmale, die unabhängig davon sind, ob der sprachliche Umgang in verlauteter, verschrifteter oder gar gemischter Form stattfindet.

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